Die Staibhöhe ist einer dieser besonderen Aussichtspunkte in Stuttgart, an denen man viel zu selten ist, egal ob Gaisburger, Wangener, Stuttgarter allgemein oder Städtetourer. Die 270-Grad-Aussicht reicht von der Gänsheide über den Killesberg, den Pragsattel mit seinen Hochhäusern und den Burgholzhof zur Gaisburger Kirche und dem riesigen Gaskessel im Vordergrund, Bad Cannstatt, Münster und noch weiter neckarabwärts im Hintergrund. Der Blick schweift weiter über das Stadion, das Kraftwerk Gaisburg und die endlosen Mercedes-Benz-Hallen mit der Grabkapelle am Württemberg darüber, neckaraufwärts bis zum Stuttgarter Hafen und in Richtung Esslingen. Von hier oben gibt es viel zu entdecken: leider viel zu viele brachliegende braune Flächen in den sonst grünen Weinbergen; immer noch viele SSB-Omnibusse auf der ehemaligen Kohlehalde des Kraftwerks Gaisburg; sogar die gerade abgebrannten Hallen im hinteren Bereich des wirklich großen Großmarktareals unten in Wangen sind zu sehen. Die Staibhöhe gibt es in diesem Jahr seit genau 100 Jahren - und sie hat eine bemerkenswerte Geschichte.


Einst Untertürkheimer Wald
Dieser Bereich am Abelsberg hat eigentlich einmal Untertürkheim gehört. Als der Ort unten am Neckar einst dringend Geld brauchte, hat er seinen Gemeindewald am Abelsberg im Jahr 1738 an Wangen verkauft. 1905 erwarb der Verschönerungsverein Stuttgart e.V. das 57 Ar große Gelände für 16600 Mark. Ihm gehört die Staibhöhe bis heute. Den Verschönerungsverein gibt es seit 1861, er profitierte gerade um die damalige Jahrhundertwende von einem regen privaten Mäzenatentum. Einer dieser Mäzene war Karl-Otto Staib, manchmal auch nur Otto Staib genannt.
Aufstieg zum Diamantenhändler
Er wurde 1845 als Sohn des damaligen Obermeisters des Stuttgarter Schlosserhandwerks geboren, suchte sein Glück aber schon früh in der Ferne. Als er 20 Jahre alt war, zog er nach London, wo damals offenbar zahlreiche Württemberger lebten. Er machte als Kaufmann und Zigarrenhändler auf sich aufmerksam und wurde schließlich als Vertreter eines Diamantenhändlers nach Südafrika geschickt. Dort waren 1870 erste Diamanten gefunden worden und hatten einen Rausch ausgelöst. Staib kam nach Kimberley, kaufte für seinen Auftraggeber Diamanten und Aktien von Minengesellschaft, wurde zum Direktor der French Diamond Mining Company. Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart konnte erst vor Kurzem ein Fotoalbum mit vielen Fotos über Staibs Wirken erwerben. Spuren hat er viele hinterlassen. So gibt es beispielsweise in der südafrikanischen Metropole Johannesburg eine Staib Street. Der Hintergrund: Johannesburg war im 19. Jahrhundert eine Goldgräbersiedlung. Staib bekam 1886 eine staatliche Konzession zum Goldabbau, im Gegenzug baute er mit seinen Anteilseignern die Wasserversorgung der Stadt auf. Deswegen wurde eine Straße nach ihm benannt. 1890 kehrte Otto Staib als Millionär in seine Heimat nach Stuttgart zurück. Er zeigte sich schon früh als großzügiger Mäzen, stiftete beispielsweise ein Fenster für das Ulmer Münster. Als er 1904 starb, hinterließ er ein Millionenvermögen. In den Archivnachrichten 70/2025 des Landesarchivs Baden-Württemberg ist zu lesen: „Dem Karl-Olga-Krankenhaus, der Diakonissenanstalt Stuttgart und der König-Wilhelm-Trost-Stiftung kamen 250000 Mark zugute. Blindenheime und Jugendherbergen, Turn- und Gesangvereine, Schulen und Museen, ja selbst der Verein für fakultative Feuerbestattung erhielten staatliche Summen.“ Von so etwas träumen heute viele Einrichtungen. Der Verschönerungsverein, dessen Mitglied Staib war, bekam 25000 Mark, mit denen er später die Staibhöhe kaufen und als Aussichtsplattform gestalten konnte.
Steine und Erde für die Bahn
Am Abelsberg war Anfang des 20. Jahrhunderts Erde abgetragen worden, um Baumaterial für den Eisenbahnbau zu gewinnen. Felsen und Erde wurden in Seil- und Feldbahnen hinunter ins Neckartal befördert. Damit wurden Flächen im Bereich des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs aufgefüllt und Bahndämme gebaut. So entstand 1924 und 1925 der ebene Bereich der heutigen Staibhöhe, den der Verschönerungsverein dank Staibs Geld kaufen und umgestalten konnte. Am 26. Juni 1926 wurde die Staibhöhe offiziell eingeweiht. Jetzt, 100 Jahre später, hat der Verschönerungsverein zusammen mit dem Garten-, Friedhofs- und Forstamt - das Jubiläum zum Anlass genommen, die Anlage noch schöner zu machen. Der Findling mit der Aufschrift Staibhöhe wurde gereinigt, die Schutzhütte renoviert, die Aussicht wieder freigeschnitten, sechs neue Sitzbänke wurden aufgestellt. Einen zusätzlichen Baum hat der Verein zum Jubiläum auch gepflanzt: eine Zitterpappel oder Espe, also den Baum des Jahres 2026. Zitterpappeln gelten als ökologisch wertvoll, wachsen schnell und halten den Klimawandel gut aus.
Der Weg hinauf lohnt sich
Es gibt also viele Gründe, wieder einmal den Weg auf die Staibhöhe auf sich zu nehmen. Die Aussicht müssen sich Besucher aber erarbeiten. Von der Stadtbahnhaltestelle Brendle geht es über den Weg Zur Staibhöhe steil hinauf, rechts in Richtung Kultur- und Sportverein Rot Weiß Blau e.V., aber dann am Abzweig zum Sportgelände vorbei das letzte Stück weiter hinauf zur Staibhöhe. Schneller und bequemer geht es über die Waldebene Ost. Von der Bushaltestelle Im Buchwald sind es noch etwa 20 bis 30 Minuten zu Fuß durch den Wald.
Von Jürgen Brand