Baubranche ohne Handwerk – das geht nicht! Und ohne das Handwerk sind auch die hochgesteckten Ziele der Nachhaltigkeit und der Klimaneutralität nicht erreichbar. Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Stuttgart, blickt im Interview auch über den Stuttgarter Tellerrand hinaus und regt dazu an, den heutigen Tag des Handwerks zu nutzen, um sich über die Leistungsfähigkeit des Handwerks zu informieren.
Herr Reichhold, welche Bedeutung hat das Handwerk für die Zukunftsstärke der Baubranche?
Wie heute gebaut wird, entscheidet darüber, wie wir in Zukunft leben, arbeiten und wohnen. Das Handwerk ist ein unverzichtbarer Teil der Baubranche als Ideengeber, Innovationstreiber und vor allem als Umsetzer. In rund 30 Gewerken sorgen hochqualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker mit fachlichem Können und modernster Technik dafür, dass Wohnraum, öffentliche Einrichtungen und die Infrastruktur unserer Gesellschaft entstehen und erhalten bleiben. Gleichzeitig leistet das Handwerk einen entscheidenden Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit im Bauwesen.
Mit klimafreundlichen Baustoffen, effizienten Energiekonzepten und hochwertiger Sanierung schafft es die Voraussetzungen dafür, dass auch künftige Generationen gut leben können.
Was war das Innovativste, was Sie im Bauhandwerk in letzter Zeit gesehen haben?
Besonders beeindruckt hat mich der Mut, Stadtentwicklung neu zu denken. Bei Handwerksreisen haben wir europäische Metropolen kennengelernt, die neue Maßstäbe setzen, z.B. Mailand oder Kopenhagen. Faszinierend finde ich das Projekt Raggi Verdi in Mailand.
Es verbindet die Innenstadt mit den Außenbezirken durch ein Netz aus Grünflächen und nachhaltigen Bauwerken, die auf ehemaligen Industriebrachen oder Gleisfeldern entstehen. So entstehen mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Meine wichtigste Erkenntnis: Zukunft beginnt mit einer klaren Vision, wie wir künftig leben und unsere Städte gestalten wollen. Eine konsequente Stadtentwicklung sorgt dafür, dass aus Visionen Wirklichkeit wird und konkrete Projekte umgesetzt werden. Wie innovativ und zukunftsorientiert die Baubranche in der Region Stuttgart bereits heute ist, zeigen die Projekte der IBA'27.
Hier werden neue Wege für das Wohnen, Arbeiten und Zusammenleben erprobt – ob innovatives Firmengelände, moderne Bildungsstätte oder nachhaltiges Holzparkhaus. Das Handwerk ist der zentrale Faktor: Es macht Zukunft auf der Baustelle greifbar.
Was muss die Politik tun, damit das Bauhandwerk seine Innovationsfähigkeit entfalten kann?
Aktuell stehen die Betriebe unter erheblichem Druck. Der Wohnungsbau stagniert, und auch Investitionen in die öffentliche Infrastruktur kommen nur schleppend voran. Bürokratie sowie Dokumentations- und Nachweispflichten belasten die Unternehmen erheblich.
Gerade bei öffentlichen Bauvorhaben ist der Aufwand inzwischen so hoch, dass Betriebe an ihre Grenzen stoßen.
Hier braucht es mehr Pragmatismus und Vertrauen statt immer neuer Vorgaben. Ebenso notwendig ist eine spürbare Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Zu häufig vergehen Monate oder sogar Jahre, bevor ein Projekt tatsächlich umgesetzt werden kann. Oft ist auch die Finanzierung der Knackpunkt: Wer in Wohneigentum investieren möchte, muss auf Förderprogramme vertrauen können. Ständig wechselnde Förderbedingungen schaffen Verunsicherung. Mein Appell an die Politik lautet: weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und verlässliche Rahmenbedingungen.
Bietet das Handwerk auch jungen Menschen gute Perspektiven, die die Zukunft gestalten und möchten? vorangehen
Auf jeden Fall! Wer anpackt und unser Land mitgestalten möchte, ist bei uns im Handwerk genau richtig. Nirgends sonst kann man so unmittelbar zur Energiewende beitragen, Wohnraum schaffen oder die Digitalisierung vorantreiben. Moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz entwickeln die Arbeitsfelder dabei stetig weiter und machen sie noch spannender, vielfältiger und zukunftsorientierter. Ob als Azubi, Fachkraft oder Unternehmenschef: Wer Talent, Motivation und Ideen mitbringt, findet im Handwerk beste Chancen, Verantwortung zu übernehmen und etwas zu bewegen.
Die Fragen stellte Christian Günther
Tag des Handwerks
Heute, am 19. September, sind alle Blicke auf das Handwerk gerichtet: Mit zahlreichen Aktionen bundesweit und in der Region Stuttgart zeigt die gesamte Branche am Tag des Handwerks, welchen unverzichtbaren Beitrag sie für Gesellschaft, Wirtschaft und Zukunft leistet.
Gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA'27) macht das Handwerk nachhaltiges, innovatives und hochwertiges Bauen in der Region Stuttgart erlebbar.
An drei offiziellen IBA-Projekten – dem Klett-Areal in Stuttgart, dem Berufsbildungszentrum in Geradstetten und dem Holzparkhaus in Wendlingen – zeigen Bauträger, Planungsbüros und Handwerksbetriebe bei kostenfreien Führungen, wie zukunftsfähige Bauweisen in der Praxis umgesetzt werden. Das Jahresmotto der bundesweiten Imagekampagne des Handwerks, „Wir machen Karriere mit Gefühl“, gilt auch dort, wo junge Menschen ihre Leidenschaft ausleben: im Gaming. Deshalb findet heute erstmals ein bundesweites Fortnite-Turnier auf der eigens entwickelten Handwerk-Map statt. Moderiert wird das Event von bekannten Creatorinnen und Creatoren und kann kostenlos im Livestream verfolgt werden. Auch zahlreiche Handwerksbetriebe in der Region beteiligen sich mit besonderen Aktionen. Ob Tag der offenen Tür, Betriebsbesichtigung oder spezielles Angebot als Dankeschön – sie präsentieren die Vielfalt und Leistungsfähigkeit des Handwerks.