
Denken Menschen an Beton, haben sie Bilder von grauen, rauen Kolossen im Kopf. Für Martin Berger, Geschäftsführer der Stuttgarter Firma Beconart Sichtbeton, ist dieser Baustoff kein starrer Block: „Beton ist für uns eine lebendige Oberfläche mit bis zu 3.500 Nuancen im Graubereich.“ Wo das klassische Bauhandwerk an optische Grenzen stößt, beginnt die Arbeit seines Teams. Während in der Baubranche vor allem Funktion und Technik zählen, um Bauwerke hochzuziehen, verleiht die Sichtbetonkosmetik ihnen einen Feinschliff.
Mängel wie Kiesnester oder Farbunterschiede werden so korrigiert, dass Ausbesserungen unsichtbar werden. Dabei geht es nicht darum, Flächen zu überdecken, sondern die Porenstruktur und Haptik zu erhalten.
„In der Betonretusche greifen wir noch etwas mehr zur Kunst der Gestaltung, um die Vision der architektonischen Idee Wirklichkeit werden zu lassen“, beschreibt Berger den Anspruch.
Die Grenze zwischen Handwerk und künstlerischer Umsetzung verläuft fließend. Für die technische Instandsetzung setzt Beconart Steinmetze, Spezialisten für Betoninstandsetzung und Bildhauer ein. Geht es an die feine Oberflächengestaltung und Farbretusche, kommen freischaffende Künstler hinzu. So entsteht Handwerk in der Kunst und umgekehrt. „Um feinste Nuancen im warmen oder eher kühl bläulichen Tönen, das Lichtspiel und die Pigmentierung wirklich zu erspüren und umzusetzen, braucht man ein extrem geschultes, künstlerisches Auge und viel Bauchgefühl“, betont der Geschäftsführer.
Ein beeindruckendes Beispiel zeigt sich auf der Großbaustelle Stuttgart 21. Dort bearbeitete das Stuttgarter Unternehmen unter anderem die kelchförmigen Stützen mit ihren Lichtaugen. Nach dem Reinigen, Korrigieren und Schließen von rund 15.500 Ankerhülsen folgten das Lasieren mit mineralischen Betonlasuren sowie der finale Schliff. Den Abschluss bildete eine Hydrophobierung, die den Beton schützt. Bei 60.000 Quadratmetern Sichtbeton der höchsten Klasse 4 arbeiteten die Spezialisten unter enormem Termindruck parallel zu anderen Gewerken. Die Herausforderung lag darin, trotz Staub und Baustellenhektik Unregelmäßigkeiten an den geschwungenen Formen auszugleichen. Dennoch geht es nicht um eine makellose Fläche: „Am Ende werden wir trotzdem immer wieder eine ‚nicht perfekte‘ Gestaltung sehen und erahnen – genau das ist Teil des Gesamtprozesses. Ein Ortbeton-Bauwerk, das in sich harmonisch erscheinen kann.“
Vor Ort verbindet die Arbeit Steinmetzkunst mit Retusche. Nach dem Vorbereiten der Schadstellen reprofilieren Handwerker die Bereiche mit Spezialmörteln und Feinspachteln. Anschließend tragen die Künstler mineralische Betonlasuren – etwa aus dem Keim Concretal System - in mehreren hauchdünnen Schichten auf. Schicht für Schicht tasten sie sich an den exaten Farbton heran, ohne dass die Struktur verloren geht. Details wie Kelchformen oder der Loungebereich werden mit Naturschwämmen nach reinem Farbgefühl nachbearbeitet.
Berger erklärt schmunzelnd: „Das klingt jetzt vielleicht etwas paradox, aber: Wer künftig durch den neuen Hauptbahnhof geht, wird unsere Arbeit daran erkennen, dass man sie gar nicht sieht!“ Der Betrachter soll das Gesamtbauwerk wie eine Kathedrale auf sich wirken lassen: „Wenn Sie an den Lichtaugen stehen und einfach nur von der harmonischen Betonfläche beeindruckt sind und vielleicht bewusst immer noch fehlerhafte Kanten oder Flecken ins Auge stechen, dann haben wir unseren Job richtig gemacht.“
Neben modernen Großprojekten ist Beconart am Bonatzbau aktiv, der ebenfalls zum Ensemble von Stuttgart 21 gehört. „Das ist ein Kulturdenkmal mit eigener Geschichte. Hier geht es nicht darum, alles ,wie neu‘ aussehen zu lassen“, stellt Berger klar. In Abstimmung mit der Denkmalpflege werden historische Betonkonstruktionen und Kunststein saniert – mit Respekt vor der Patina. So wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigte Natursteinbereiche einst mit Beton ausgegossen. Die Profis entfernen unpassende Alt-Reparaturen, ergänzen Fehlstellen formgerecht und fügen sie über lasierende Pigmentierung so ein, dass die historische Würde erhalten bleibt.
Dass Sichtbetonkosmetik auch festgefahrene Situationen löst, zeigt ein Beispiel aus Luxemburg. Dort wollte ein Architekt ein Leichtbetongebäude wegen Fehlern in der Holzstruktur abreißen lassen. Beconart vermittelte zwischen Rohbauer und Auftraggeber, behob die Fehler und rettete das Bauwerk.
Damit die Flächen dauerhaft schön bleiben, kommen abgestimmte Schutzsysteme zum Einsatz. Das Team trägt atmungsaktive, mineralische Hydrophobierungen auf – „man stelle sich Stein in Flüssigkeit aufgelöst vor“ –, die Feuchtigkeit abhalten, ohne den Beton zu versiegeln. In Publikumsbereichen schützen wiederentfernbare Graffitischutzsysteme oder Speziallasuren die Oberflächen.
„Junge Menschen, die bei uns eine Ausbildung machen, fasziniert vor allem, dass man bei uns nicht einfach nur ‚auf dem Bau‘ ist, sondern an der Schnittstelle von Handwerk, Denkmalschutz und Kunst arbeitet“, erklärt Beger. „Man sieht am Tagesende genau, was man mit den eigenen Händen geschaffen oder gerettet hat und dass an Bauwerken, die Generationen überdauern. Neben handwerklichem Geschick braucht man dafür vor allem Geduld, Liebe zum Detail und echte Leidenschaft für Farben, Formen und Beton.“
Von Corinna Wieẞler