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Vom fränkischen Adelssitz zum Marbacher Stadtteil

Der Kultur- und Heimatverein feiert das Jubiläumsjahr mit einem Festakt, einem Kunsthandwerkermarkt in der Kelter sowie einem Vortrag über die historische Urkunde.

Vom fränkischen Adelssitz zum Marbacher Stadtteil

Ortsvorsteher Jens Knittel, Stadtarchivar Albrecht Gühring und Walter Stirm. Foto: Werner Kuhnle

Es ist ein Jubiläum, auf das man in Rielingshausen lange hingearbeitet hat: 1250 Jahre seit der urkundlichen Ersterwähnung des Ortes. Im gesamten Jahr 2026 lädt der Marbacher Stadtteil mit einem bunten Programm zum Feiern, Erinnern und Entdecken ein – organisiert unter anderem vom Kultur- und Heimatverein Rielingshausen e.V. in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Marbach am Neckar, der Feuerwehr, den Kirchengemeinden und zahlreichen Vereinen vor Ort.

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Ein Stadtteil feiert seine lange Geschichte

Die Geschichte Rielingshausens reicht weit zurück: Vermutlich um das Jahr 700 entstand südlich einer alten Römerstraße ein fränkischer Adelssitz. Am 11. Juni 776 schenkte eine Witwe namens Adalgard ihren Besitz in „Reginherishusen“ dem Kloster Lorsch – jener Akt, der als Ersterwähnung des Ortes gilt und dem Jubiläumsjahr seinen Namen gibt. Im Lorscher Codex taucht der Ortsname 852 erneut auf. Die historische Kelter von Rielingshausen zählt bis heute zu den prägenden Baudenkmälern des Ortes.

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Namenswechsel gehören zur Ortsgeschichte fast wie das Wahrzeichen selbst: Aus „Reginherishusen“ wurde über die Jahrhunderte „Ruodingeshusa“, dann „Rudingeshusen“, und „Rudlingshausen“ schließlich, ab dem 16. Jahrhundert „Rielingshausen“. Ab 972 gehörte der Ort kirchlich zum Bistum Speyer, spätestens seit dem Verkauf der Herrschaft Wolfsölden im Jahr 1322 fiel Rielingshausen an die Grafen von Württemberg – bis heute Anlass für ein zweites, kleineres Jubiläum: 700 Jahre Zugehörigkeit zu Württemberg.

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Weinberge, Bauernkrieg und Kriegsnöte

Über Jahrhunderte prägte der Weinbau das Dorfleben. Um 1350 wird erstmals eine Kelter erwähnt. Ackerbau mit Dinkel, Roggen und Hafer sowie Viehzucht sicherten das Überleben der rund 500 Einwohner. Bewegte Zeiten erlebte der Ort 1525, als zahlreiche Rielingshäuser Bauern am Deutschen Bauernkrieg teilnahmen – dreizehn von ihnen wurden nach dessen Scheitern zu Geldstrafen verurteilt und mit einem Waffenverbot belegt. Noch schwerer traf den Ort der Dreißigjährige Krieg: Zwischen 1634 und 1638 erlitt Rielingshausen schwere Zerstörungen und dramatische Bevölkerungsverluste. Auch der Pfälzische Erbfolgekrieg hinterlieẞ 1693 mit einer Plünderung durch französische Truppen seine Spuren.

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1718 wurde die Kelter neu errichtet, 1972 schließlich wurde Rielingshausen im Zuge der Gemeindereform nach Marbach eingemeindet – ein Einschnitt, dessen 50-jähriges Jubiläum erst vor wenigen Jahren gefeiert wurde.

Kurioses aus der Dorfgeschichte

Nicht nur große Ereignisse prägen die Ortschronik, auch kleine Anekdoten haben sich gehalten. So erzählt eine alte Sage von einem Fuhrmann, der mit seinem Gespann ausgerechnet die Gans des Gänsehirten überfuhr – und zwar just jenes Tier, das dem Schultheißen gehörte.

Für einigen Gesprächsstoff sorgte zuletzt auch der promovierte Historiker Nikolai HäuBermann, der in einem Vortrag des Kultur- und Heimatvereins Zweifel an der bisherigen Datierung äußerte: Bei genauerer Betrachtung der Lorscher Urkunde sei nicht das Jahr 776, sondern eher 781 zu lesen. Ob Rielingshausen also fünf Jahre zu früh oder pünktlich feiert, bleibt Diskussionsstoff unter Heimatkundlern – am Festprogramm ändert das nichts.

Der wohl berühmteste Spross mit Abstammung aus Rielingshausen hieß Max Frisch. Sein im Jahr 1808 geborener Großvater Gottlieb Wildermuth wanderte einst nach Zürich aus und wurde zum Vorfahre des bekannten Schweizer Architekten und Schriftstellers.

Und noch eine Besonderheit hat der liebliche Ort, eingebettet zwischen Wald, Wiesen und Feldern: einen eigenen Flugplatz zwischen Ortskern, Kaiserbach Richtung Birkenhof – im Amtsdeutsch bald Sonderlandeplatz genannt. Bereits seit 1972 nutzt ein ortsansässiges Spezialunternehmen das Flugfeld für Luftbilder und Vermessung aus der Luft. Von hier hat man nicht nur Rielingshausen von oben im Überblick, sondern arbeitet von hier an einem „digitalen Zwilling“ von ganz Deutschland aus der Luft mit.

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Das Jubiläumsjahr 2026

Den Auftakt machte im März ein Dorfrundgang unter dem Titel„Auf Schritt und Tritt“, zu dem über 120 Teilnehmende kamen und der anhand von 28 historischen Fotos und Zeichnungen durch die Ortsgeschichte führte.

Es folgen unter anderem ein Kunsthandwerkermarkt in der Kelter, ein Setzlingstauschtag sowie regelmäßige Mittagstische unter dem Motto „Gemeinsam schmeckt's besser“. Höhepunkt des Jubiläumsjahres ist der große Festakt am Freitag, 17. Juli 2026, in und um die Gemeindehalle Rielingshausen. Auch heute wächst Rielingshausen weiter – etwa mit Plänen für ein neues Baugebiet am Ortsrand.

Zwischen Tradition und Zukunft

Mit rund 2800 Einwohnern ist Rielingshausen längst mehr als ein Dorf mit langer Geschichte – der Ort entwickelt sich weiter, etwa mit neuen Wohngebieten und aktivem Vereinsleben. Genau darin liegt für viele Rielingshäuserinnen und Rielingshäuser auch der Kern des Jubiläums: die Erinnerung an 1250 Jahre Geschichte, als Dank für eine nun schon über 80 Jahre währende Phase von Frieden und Wohlstand. Das gibt Ansporn, die Zukunft des Stadtteils mit Zuversicht zu gestalten.

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Wie es in einem Grußwort von Ortsvorsteher Jens Knittel zum Jubiläumsjahr heißt, zeige das Engagement der örtlichen Vereine eindrucksvoll, was Rielingshausen ausmache: ein starkes Miteinander und eine Gemeinschaft, die füreinander einsteht.

Von Ingo Nicolay