Zehn Dichterinnen und Dichter mit geistlichem Hintergrund treten beim achten Preacher Slam in der Cannstatter Steigkirche am 17. November gegeneinander an.

Zwischen der Sommer-Predigt-Reihe im August und Adventsgottesdiensten im Dezember gibt es alljährlich einen weiteren wichtigen Termin im Kirchenjahr: Den Stuttgarter Preacher Slam in der Cannstatter Steigkirche. Bereits zum achten Mal treten Pfarrerinnen, Pfarrer, Laienpredigerinnen und -prediger im evangelischen Gotteshaus zum wortgewaltigen Wettstreit an. Am Sonntag, 17. November, Beginn ist um 19 Uhr „batteln sich zehn Kandidatinnen und Kandidaten um den Wanderpokal „Stuttgarter SlamSteiger“.
Predigen können alle, die an der achten Auflage des Preacher Slams mitmachen. Es ist ihr sonntägliches Brot. Nicht normal ist indes, dass sie dabei von Scheinwerferlicht geblendet werden. „Und wir sind es auch nicht gewohnt, unmittelbare Rückmeldungen zu bekommen, schon gar nicht über Applaus“, sagt Til Bauer, der Pfarrer der Steigkirchengemeinde, der seit 2017 den Stuttgarter Preacher Slam, den einzigen Slam in einer Kirche, organisiert.
Zeigen, wie der Glaube zeitgemäß zur Sprache gebracht werden kann, ist eine Intention der außergewöhnlichen Veranstaltung, die im Prinzip sehr traditionell sei, sagt Pfarrer Bauer. „Das gesprochenen Wort steht im Mittelpunkt, neu ist die Verpackung.“
Beim Preacher Slam hat der Slammer oder die Slammerin fünf Minuten Zeit, das Publikum mit seinem beziehungsweise ihrem Text zu überzeugen. „Dabei kommt der Glaube nachdenklich, provozierend, spielerisch oder auch kabarettistisch zur Sprache“, so Til Bauer. Nicht immer bei dem modernen Streit der Dichterinnen und Dichter beschäftigen sich die eigens für den Preacher Slam geschriebenen Texte aber mit religiösen Themen. Sie seien manchmal fernab von jeder Predigt oder geistlichem Impuls, erklärt Til Bauer. Schließlich gehe es auch darum, wer mit einer guten Story, Wortwitz oder frechen Reimen beim Publikum im Kirchenraum punkten könne.
Pfarrerin lehrt Kollegen das Fürchten

Das diesjährige „Opferlamm“ - so wird im Slam-Slang der oder die genannt, die außer Konkurrenz die Wortgefechte eröffnet und die Besucher vor Beginn anheizt - ist Gerlinde Feine. Die wortgewandte Stadtkirchenpfarrerin aus und Böblingen werde wohl den anderen Preacherinnen und Preachern das Fürchten lehren, sagt Til Bauer mit einem Grinsen. „Sie veröffentlicht regelmäßig auf ihrem eigenen Blog https://feineworte.wordpress.com/ ."
Moderiert wird der Abend von Til Bauer. „Meine kreativen Kolleginnen und Kollegen werden vielfältige und spannende Texte präsentieren“, freut sich der Hausherr, der das gut beurteilen kann. Denn der Pfarrer der Steigkirchengemeinde ist selbst seit vielen Jahren leidenschaftlicher Slammer. „Es hält mich lebendig, und seitdem fühle ich mich im Gottesdienst freier.“ Bauer verlässt regelmäßige seine Komfortzone in der Kirchenkanzel und hat schon Auftritte bei Poetry Slams in der Rosenau in Stuttgart oder im Saal der badischen Landesbibliothek in Karlsruhe hingelegt, und sogar im Mutterland des Poetry Slams in den USA.
Ein Pfarrer in Chicago
Er sei im vergangenen Jahr in Chicago in der legendären Location „Green Mill“ auf der Bühne gestanden, wo 1986 der erste Poetry Slam ausgetragen wurde, erzählt Bauer.„Und wie vor 38 Jahren steht dort immer noch Marc Smith, der Erfinder des Poetry Slams als Master of Ceremony auf der Bühne.“ Auch, dass er sich bei seinem Gastspiel in Chicago selbstironisch auf die Schippe genommen hat, verrät Bauer: „Mein Thema war: „We have always done it that way. And if we have always done it that way, then it can't be wrong“, also „wir haben schon immer so gemacht. Und weil wir es schon immer so gemacht haben, kann es nicht falsch sein.“
Kurzweiliger Tiefgang
450 Besucherinnen und Besucher hatte der Preacher Slam 2023-250 vor Ort und 200 im Netz unter: https://preachers-lam.paxido.cloud wo auch die diesjährige achte Auflage übertragen wird.
Pfarrer Bauer kennt die Gründe für die Beliebtheit des Formats. „In der Kürze liegt die Würze - das Publikum muss nicht 15 Minuten einem Menschen bei einer Predigt zuhören, sondern es ist kurzweilig und dennoch mit Tiefgang.“ Auch das Zusammenspiel zwischen Performer und Publikum spiele eine Rolle, so der Pfarrer der Steigkirchengemeinde.
„Das Publikum geht mit und gibt eine unmittelbare Rückmeldung über Auftritt und Text - so wird das Publikum aus seiner passiven Zuschauerrolle herausgeholt und erkennt: Kirche macht Spaß.“
Von Eva Herschmann