Seit mehr als zehn Jahren hat sich Mühlhausen dem fairen Handel verschrieben. Die Originalurkunde, ausgestellt am 14. Dezember 2015, hängt eingerahmt und gut sichtbar im Eingangsbereich des Bezirksrathaus im Palmschen Schloss. Bezirksvorsteher Ralf Bohlmann und sein Stellvertreter Andreas Schröder sind stolz darauf, dass der Stuttgarter Stadtbezirk als 389. Stadt überhaupt den Titel „Fairtrade-City“ bekam und seitdem zum wiederholten Mal neu zertifiziert wurde.
Das bunte Banner fällt auf. Es steht für das Engagement in Sachen Nachhaltigkeit und gerechteren Handel in Mühlhausen. Am Weltfrauentag werden fair gehandelte Rosen verschenkt, in der Vorweihnachtszeit gibt es Weihnachtssterne aus fairem Handel und zur Landtagswahl am Sonntag, 8. März, wird an die vielen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer als Aufmunterung und süße Belohnung Schokolade verteilt – mit dem Fairtrade-Siegel, dem Namen von Mühlhausen und der Aufschrift „Danke für Ihren Einsatz!“. Bezahlt wird die kleine Aufmerksamkeit mit einem Zuschuss vom Bezirksbeirat.
Hinter den Aktionen steckt seit 2021 eine kleine Steuerungsgruppe, in der Vertreterinnen und Vertreter der Jörg-Ratgeb-Schule in Neugereut, der Stadtteilbibliotheken Neugereut und Freiberg, der katholischen und evangelischen Kirchen und Mitglieder des Bezirksbeirats sitzen. Viermal im Jahr treffen sie sich, um Fairtrade im Stadtbezirk zu unterstützen und auf das Thema aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass jeder etwas für eine gerechtere Welt tun kann. Etwa mit fair gehandelten Rosen, die jedes Jahr am 8. März im Bezirksamt an Besucherinnen verteilt werden. Das ist nicht nur eine nette Geste, sondern es sind Blumen mit Botschaft. Denn sie machen darauf aufmerksam, dass tausende Menschen in der Blumen- und Pflanzenindustrie unter schlechten Arbeitsbedingungen mit niedrigen Löhnen und hohem Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln arbeiten. „Fairtrade-Blumen sind teurer, aber man unterstützt damit ganze Familie und hilft Kinderarbeit vorzubeugen“, sagt Andreas Schröder, der die Steuerungsgruppe leitet. Es sei sinnvoller, den Menschen vor Ort zu ermöglichen, sich ein Leben aufzubauen, und sie nicht aus ihrer Heimat flüchten müssen. „Dafür gibt man doch gerne ein paar Euro mehr für Blumen aus“, so der stellvertretende Bezirksvorsteher.

Fairer Handel soll weltweit die Positionen der Bauern stärken und Gerechtigkeit steigern. Die Erzeuger bekommen für ihre Produkte wie Kaffee, Kakao oder Blumen einen Mindestpreis, der von einer Fair-Trade-Organisation bestimmt wird. Der Stuttgarter Gemeinderat hatte im Jahr 2013 beschlossen, dass die Landeshauptstadt Fairtrade-Stadt wird, und der Bezirksbeirat Mühlhausen entschied sich 2015, dem Beispiel zu folgen. Als erstes öffentlichkeitswirksames Angebot gab es im darauffolgenden Jahr ein „Faires Frühstück“ im Bezirksamt im Palmschen Schloss. Mittlerweile finden über das Jahr verteilt verschiedene Aktionen statt, die dem Fairtrade-Gedanken dienen.
Obst, Gemüse oder Eier von hiesigen Landwirtsfamilien
Stets zur fairen Woche gibt es einen Stand im Bezirksrathaus mit Fairtrade-Artikeln, auch zum Verköstigen, und weithin bekannt ist die alljährliche Weihnachtsstern-Aktion, die längst Vorbild für andere Stuttgarter Stadtbezirke ist. Wie schon seit 2017 schmückten auch in der vergangenen Adventszeit Weihnachtssterne aus Uganda viele Haushalte in Mühlhausen. Die Euphorbia pulcherrima, so der botanische Name, aus fairer Produktion, stellt das in Mühlhausen ansässige Unternehmen Selecta, ein weltweit führender Züchter, Produzent und Vermarkter von Beet- und Balkonpflanzen, Zimmerpflanzen, Stauden und Schnittblumen, zur Verfügung. Sie werden im Stadtbezirk gegen eine Spende abgegeben, und der Erlös daraus kommt einem guten Zweck zugute.
Den Hofläden und Wochenmärkten kommen beim Thema Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit besondere Bedeutung zu. Auf den Wochenmärkten immer samstags auf dem Kelterplatz in Hofen und auf dem Platz beim Ökumenischem Gemeindezentrum in Neugereut sowie in den Hofläden in jedem Ortsteil können frisches Obst, Gemüse oder Eier von hiesigen Landwirtsfamilien wie Sperling oder Brust mit gutem Gewissen eingekauft werden, erklärt Andreas Schröder. „Aber auch im Kaufland gibt es Fairtrade-Produkte, man muss halt gezielt danach suchen.“
Von Eva Herschmann