Auch dieses Jahr hätte die Cello Akademie Rutesheim wieder in den baden-württembergischen Herbstferien Ende Oktober stattfinden sollen. Schweren Herzens hat der Gründer und künstlerische Leiter Matthias Trück vor einigen Wochen die Reißleine gezogen. Die nächste Ausgabe eines der führenden Cello-Festivals in Europa kommt nun erst im Herbst kommenden Jahres, vom 31. Oktober bis 6. November.
Der Hauptgrund für die Absage ist ausgerechnet die große Stärke der Cello-Akademie: ihre ausgeprägte Internationalität. Schließlich reisen die Teilnehmer aus der ganzen Welt an.
Entsprechend früh muss der Auswahlprozess abgeschlossen sein, müssen die Flüge nach Deutschland gebucht und die Gasteltern für die privat arrangierten Übernachtungen gefunden werden. All dies ist unter den derzeitigen Beschränkungen unmöglich.

Eine weitere Überlegung steht damit in direktem Zusammenhang: Die viel gerühmte familiäre Atmosphäre in Rutesheim könnte gar nicht erst aufkommen, wenn die aktuellen Abstandsregeln auch im Herbst verpflichtend sind, denn das bedeutet: keine heiß umkämpften Tischkicker-Matches zwischen Dozenten und Studierenden, kein gemeinsames Essen in der Mensa des Schulzentrums, kein Fachsimpeln an den Ständen der Musikmesse, kein angeregtes Miteinander dicht an dicht im Foyer, bevor der Saal für das Publikum geöffnet wird. Das, was die Cello-Akademie künstlerisch und pädagogisch ausmacht, ginge also verloren.
Matthias Trück ist es jedoch wichtig zu betonen, dass er sich, sollten die Beschränkungen unerwartet rasch aufgehoben oder deutlich abgemildert werden, durchaus ein abgespecktes Konzert- und Meisterkurs-Programm in Rutesheim vorstellen könnte. wk
EIN MUSIKALISCHER MIKROKOSMOS
Seit ihrer Gründung im Jahr 2009 punktet die Cello Akademie Rutesheim mit drei ungewöhnlichen Stärken: dem kommunikativen Cello-Campus im Rutesheimer Schulzentrum, dem einladenden Konzept und der offenen, kollegialen Philosophie der Akademie. Wenn sich der internationale Cello-Nachwuchs in der baden-württembergischen Herbstferien-Woche in Rutesheim trifft, entsteht ein musikalischer Mikrokosmos, der in dieser Form weltweit seinesgleichen sucht.
Renommierte Cello-Professoren unterrichten junge Talente aus der ganzen Welt, klassische Streicher lernen Jazz, fortgeschrittene Studenten bereiten sich auf Probespiele vor, Cello-Liebhaber spielen als Cello-Orchester zusammen – und abends strömt das Publikum zu den Konzerten des Cello-Festivals. Innerhalb von einer Dekade hat sich die Cello-Akademie nicht nur als wichtiges Klassikfestival für Baden-Württemberg etabliert. Dank der zahlreichen begeisterten Meisterschüler aus aller Welt genießt die Akademie hohes Ansehen in der internationalen Musikszene. In den vergangenen Jahren engagiert sich die Cello-Akademie zunehmend als Produktionsfestival, das bei den jungen Teilnehmern Werke in Auftrag gibt und zur Uraufführung bringt.
Dass die Akademie mit ihrem Credo, die pädagogische Qualität über alles zu stellen, richtig liegt, beweisen die Erfolge der Rutesheimer Meisterkurs-Teilnehmer, die sich bei den großen internationalen Musikwettbewerben regelmäßig auf die vorderen Plätze spielen. Die karrierefördernde Wirkung der Cello-Akademie ist aber auch nach dem Studium spürbar. Eine Reihe ehemaliger „Rutesheimer“ sind heute Solo-Cellisten bei Top-Orchestern wie den Berliner Philharmonikern oder dem Leipziger Gewandhausorchester. Einer von ihnen – Jakob Spahn, Erster Solocellist im Orchester der Bayerischen Staatsoper München – wurde erst neulich als Professor an die Hochschule für Musik in Nürnberg berufen. Sie alle kommen immer wieder gerne nach Rutesheim zurück, um nunmehr selbst zu unterrichten.
Ihre Entstehung verdankt die Cello-Akademie der Initiative des Cellisten Matthias Trück. Mit dem Celloquartett quattrocelli, dem Celloduo ponticellos und als Studiomusiker für Pop-Produktionen verfolgt er weiterhin seine Karriere als international profilierter Cellist. wk