Von Gabriele Metsker
Soll man die Möglichkeiten der modernen Medizin ausschöpfen? Und wenn ja: Bis zu welchem Punkt? Das könnte ein sperriges Thema sein, ist aber im Fall von „Die Unmöglichen“ alles andere als das. Schon einmal haben die sechs Schauspielstars ihr Publikum begeistert: Devid Striesow (Foto), Meret Becker, Claudia Michelsen, Ronald Zehrfeld, Matthias Koeberlin und Thomas Loibl. „Von der ersten Sekunde an überbordende Spiellaune, grandiose Sprechkunst. Selten hat man so viel Theater außerhalb des Theaters erlebt“, schreibt Theaterexpertin Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung beim ersten Auftritt des Sextetts in Stuttgart. Am Sonntag, 30. März, gibt es nun um 18 Uhr erneut die Möglichkeit, diesen „Theaterabend zum Staunen" (Golombek) in der Liederhalle zu erleben.
Ein wohlhabendes Ehepaar (Claudia Michelsen und Thomas Loibl) möchte in Sachen Kinderwunsch sichergehen: Die Eheleute reisen nach England, um in einer Privatklinik mit Hilfe künstlicher Befruchtung ein Kind zu zeugen. Drei Embryonen entstehen, aber nur einer kann eingepflanzt werden. Wie wäre das Leben mit jenen drei verlaufen, die nicht zu den Kindern Max (Matthias Koeberlin), Fabian (Ronald Zehrfeld) oder Amelie (Meret Becker) heranwachsen werden? Denn, diese Erkenntnis sickert wie nebenbei durch, nicht nur Eltern erziehen ihre Kinder, auch die Kinder haben einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie sich das Leben der Eltern entwickelt.
Was wäre wenn ... die Eltern ein melancholisches Wunderkind beim Aufwachsen zu begleiten hätten? Oder einen Sohn, der sich zum kapitalistischen Luxusautohändler entwickelt? Und was geschieht mit einer Ehe, wenn trotz aller Pränataldiagnostik ein Mädchen mit Trisomie 21 zur Welt kommt? Scheitert das Paar an dieser Herausforderung oder kann es daran wachsen? Die Autoren von „Die Unmöglichen“, Paul Plamper und Julian Kamphausen, sind keine Literaturstars. Gleichwohl ist ihnen ein Familiendrama mit allen Höhen und Tiefen geglückt, das mit diesem hochkarätigen Sextett zur überwältigenden szenischen Lesung wird.
„Die fabelhaften Sechs haben bei aller Konzentration auf die Szenen- und Stimmungswechsel Vergnügen am gemeinsamen Tun, sie improvisieren und spielen damit, wenn jemand sich im Text vertut“, schwärmte Golombek. Das hat auch damit zu tun, dass in„Die Unmöglichen“ so viele Aspekte angespielt werden, dass sich jeder wiederfinden kann - als Elternteil oder eines der Kinder. Die Schauspieler Devid Striesow, Meret Becker, Claudia Michelsen, Ronald Zehrfeld, Matthias Koeberlin und Thomas Loibl bringen ihr großes schauspielerisches Können ein und spielen ihre Rollen mit viel Heiterkeit, Selbstironie und Melancholie - und großer Virtuosität. So kann mitunter schon ein einziger Blick ausreichen, um eine Stimmung deutlich zu machen. Selten habe man so viel Theater außerhalb des Theaters erlebt, resümiert die Kritikerin, welche die stehenden Ovationen beim ersten Auftritt des hochkarätigen Sextetts nicht nur nur erwähnt, sondern wie folgt kommentiert: Sie seien „selten so verdient wie an diesem Abend“.07 11/52 43 00, stuttgartkonzert.de
DIESE SAISONHÖHEPUNKTE GEHEN UNTER DIE HAUT
Nuancen im künstlerischen Ausdruck sind etwas Wunderbares – ganz gleich, ob es sich um Schauspielerei oder Musik handelt. Im Frühjahr kommt eine Reihe großartiger Künstlerinnen und Künstler nach Stuttgart: Devid Striesow (Foto), Meret Becker, Claudia Michelsen, Ronald Zehrfeld, Matthias Koeberlin und Thomas Loibl, außerdem Teodor Currentzis und Isata Kanneh-Mason.
Aufbruch zu Neuem
Teodor Currentzis kommt am 14. April mit seinem Orchester Utopia und Mahlers Sinfonie Nr. 4 in die Liederhalle

Gustav Mahler selbst bezeichnete seine 4. Sinfonie als eines seiner besten Werke. Uraufgeführt wurde sie am 25. November 1901 mit dem Kaim-Orchester und der Sopranistin Margarete Michalik unter der Leitung von Mahler selbst in München. Nun kommt Teodor Currentzis mit seinem Orchester Utopia am 14. April in die Liederhalle. Die Sopran-Partie singt an diesem Abend Regula Mühlemann. Beim Konzert erklingt außerdem das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur von Johannes Brahms mit dem jungen französischen Pianisten Alexandre Kantorow.
Mit der Gründung des Klangkörpers Utopia hat Currentzis sich 2022 einen Traum erfüllt. Die Mitglieder finden sich dabei jeweils projektbezogen aus verschiedenen internationalen Orchestern zusammen. Gemeinsam mit Utopia ist in den kommenden Jahren das Erarbeiten aller Mahler-Symphonien geplant. Die 4. Sinfonie gehört dabei zu Gustav Mahlers bemerkenswertesten Werken. Sie ist die letzte der drei Sinfonien, die Gedichte aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ von Clemens Brentano und Achim von Arnim vertonen. Bei ihrer Uraufführung stieß sie zunächst nicht auf ungeteilte Resonanz. Die Allgemeine musikalische Zeitung sprach sogar von einem „wenig erquicklichen Eindruck“, und nur wenige Kritiker erkannten den zukunftsweisenden Wert der Komposition.
Mahler selbst war anfangs auch nicht von der 1901 vollendeten Symphonie überzeugt und bezeichnete sie noch 1903 als „Stiefkind, das bis jetzt noch wenig Freude auf der Welt erlebt hat“. Permanent überarbeitete und verfeinerte er die Instrumentation, um den Ausdruck zu erreichen, den er sich vorstellte. Ernst Otto Nodnagel, ein Freund Mahlers, schwärmte indes von der Uraufführung als einem „ersten wirklichen musikalischen Ereignis im 20. Jahrhundert“. In ihrer Abkehr von spätromantischem Pathos und großer Emphase zeigt sich der Aufbruch zu Neuem und verweist in einigen Punkten schon auf die 9. Sinfonie, welche den endgültigen Beginn einer neuen musikalischen Epoche darstellt. Spätestens mit der 5. Sinfonie wird dieser Aufbruch deutlich. Tickets 07 11/52 4300, stuttgartkonzert.de . red