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Acht aus hundert Geschichten

Die Ausstellung „Die 1920er-Jahre im Stuttgarter Osten“ gibt neue Einblicke zu alten Orten

Acht aus hundert Geschichten

Die Stadthalle um 1928: im Jahr der Machtergreifung: Widerstandskämpfer sorgten dafür, dass Hitlerrede nicht übertragen werden konnte. Foto: z

Der Stadtbezirk wandelte sich in jener Zeit grundlegend. Die Einwohnerzahl nahm von 34 000 auf 44 000 zu, neue Siedlungen gaben den Menschen eine Heimstatt. In aufstrebenden Industriebetrieben fast aller Branchen fanden sie Lohn und Brot. Aber auch sonst änderte sich vieles. Die Museo-Ausstellung blickt auf acht Lebensbereiche, in denen der Wandel besonders sichtbar wurde, und aus jedem Bereich zeigt sie einige Geschichten, insgesamt an die 100. Hier erzählt der Kurator Ulrich Gohl genau acht von ihnen, aus jedem Thema eine. Die anderen 92 sind nur in der Schau selbst zu entdecken.

Kirchen: Die Katholiken kommen

In die Siedlungen zogen auch Menschen aus katholischen Gegenden, etwa Oberschwaben oder Vorderösterreich. Für ihre seelsorgerische Betreuung wurden zwei Kirchen errichtet: Herz Jesu und Heilig Geist. Die Heilig-Geist-Gemeinde schuf sich 1932 den Heimgarten Marienau. Hier herrschte der Geist der Schönstattbewegung, die besondere Formen der Marienverehrung pflegt. Sie errichtet an allen ihren Wirkungsorten ein Kapellchen wie das „Urheiligtum“ in Schönstatt bei Vallendar, so auch an der Nähterstraße (Nr. 195). Der Heimgarten ist längst aufgegeben, das ihm folgende Vereinslokal ebenfalls, die Kapelle verfällt zu einem Lost Place.

Schulen: eine anthroposophische Schule

Es erstaunt, wie viele Reformschulen kurz vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg ausgerechnet im Stuttgarter Osten entstanden: die Reformschule Heidehof (1908), das Reformrealgymnasium (1912, heute: Zeppelin-Gymnasium), die Merz-Schule (1918) und schließlich die Waldorf-Schule (1919). Der Zigarettenfabrikant Emil Molt gründete diese vor allem für die Kinder seiner Arbeiterinnen und Arbeiter. Geleitet wurde sie vom Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, und untergebracht im ehemaligen Restaurant Uhlandshöhe.

Siedlungen: Kleinhäuser in Eigenarbeit

Auch der Autobau - hier mit der Firma Turbo - war im Stuttgarter Osten vertreten. Foto: privat
Auch der Autobau - hier mit der Firma Turbo - war im Stuttgarter Osten vertreten. Foto: privat

Über 40 Siedlungen entstanden während der Weimarer Zeit zwischen den alten Ortskernen des Ostens, erbaut von der Stadt Stuttgart, von Genossenschaften und Vereinen. 

Einige bestanden nur aus wenigen Häusern, die Raitelsbergsiedlung umfasste rund 800 Wohnungen. Eine besondere Geschichte hat die Gasarbeitersiedlung, denn die späteren Bewohnerinnen und Bewohner erbauten sie weitgehend mit ihren eigenen Händen. Fast 100.000 Steine formten sie im Gaswerk, trockneten sie mit der Abwärme der Anlage; die Straßenbahn brachte das Material immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag zur Baustelle.

Industrie: Rennwagen aus Gaisburg

Nahezu alle Branchen waren in den 1920ern im Osten vertreten, auch der Autobau. Der Konstrukteur Geza W. Müller produzierte ab 1920 im schweizerischen Oerlikon ein Fahrzeug mit einem ungewöhnlichen Fünftzylinder-Sternmotor. 1923 kam Müller nach Gaisburg (Ulmer Str. 172) und verlagerte die Produktion hierher; sie hieß nun TurboMotoren AG. Die Fahrzeuge gab es verschieden motorisiert mit bis zu 75 PS. Beim Bergrennen um die Solitude 1924 kamen Turbo-Fahrzeuge in ihrer Klasse auf die Plätze 1 und 3. Der sportliche Erfolg half aber wirtschaftlich nicht, 1925 musste das Unternehmen Konkurs anmelden.

Infrastruktur: eine Halle für Großereignisse

Wo heute der SWR aufragt (Neckarstraße 230), ließ die Stadt Stuttgart eine Stadthalle erbauen. Hugo Keuerleber lieferte die Pläne für den bis zu 10 000 Menschen fassenden Holzbau, der im Juni 1926 eingeweiht wurde. Hier fanden Großereignisse aller Art statt: Kundgebungen, Ausstellungen, Konzerte, aber auch wie Sportveranstaltungen Sechs-Tage-Rennen. Hier er-Kano auf der Waldebene Ost. Kontinuität herrschte in einer anderen Sportart: 1925 erhielt der Trinkwasserbehälter Nenneweg, oberhalb des Urachplatzes, eine zweite Kammer. Auf deren Decke wurde für den 1926 gegründeten Tennisclub Ameisenberg eine Sandplatzanlage geschaffen, die noch heute bespielt wird.

Ereignisse: gewaltsamer Streit

Die Brutalität des politischen Kampfes in den ersten Jahren der Weimarer Zeit zeigte sich auch hier. Ende März 1919 rief der Spartakusbund zu einem Generalstreik gegen die Regierung auf, die deshalb den Belagerungszustand verhängte und ein Versammlungsverbot erließ. Trotzdem kamen morgens am 2. April viele Streikende auf den Ostendplatz. Aus der Bergkaserne rückte eine Patrouille der Sicherheitskompanie aus, die von den Aufständischen angegriffen wurde. In der Luisenstraße wurden die Soldaten gestellt: Einen von ihnen, den 19-jährigen Christian Kirchherr, überwältigten die Angreifer, schossen ihm in den Kopf, prügelten ihn zu Tode und legten den Leichnam auf eine Bank am Luisenplatz.

Unternehmen aus der Region

Kunst und Kultur: Gaisburger Revolutionsmuseum

Diese Geschichte hat noch kein Ende. So begann sie: Vor Jahren erwarb ich eine kleine farbige Zeichnung mit dem Titel „Aus dem Gaisburger Revolutionsmuseum“, datiert auf 1924 und bezeichnet mit „R. K.“. Recherchen ergaben, dass sie von dem 1904 in Stuttgart geborenen Architekten Rudi Klemm stammt. Er ging 1925 nach Berlin und war dort Chefzeichner und Kameramann bei der Pinschewer Film-AG, einer Pionierin des Trickfilms. 1949 gründete Klemm in Stuttgart sein eigenes Atelier für Trick- und Werbefilme, starb aber bereits 1955. Die Zeichnung könnte ein Bühnenbildentwurf gewesen sein, vielleicht für ein Künstlerfest. Wer weiß mehr?

Von Ulrich Gohl


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