Musikfest Stuttgart 2022

Musikfest Stuttgart 2022 mit der israelischen Opernsängerin Chen Reiss

13.06.2022

Foto: Lars Emil Egeberg Simonsen

Endlich gibt es wieder Festivalatmosphäre live! Das Musikfest Stuttgart geht 2022 frühsommerlich und mit vielen neuen Ideen an den Start. Vom 18. Juni bis 3. Juli lautet in vielen Variationen die Antwort auf die Frage, wo es hingeht: „Ins Paradies!“

Musikfest Stuttgart

Ins Paradies? In Stuttgart!

Sehnsuchtsort. Eröffnung und Abschluss des Musikfests Stuttgart bieten fulminante Werke und echte Entdeckungen. Hans-Christoph Rademann und die Gaechinger Cantorey suchen Wege „ins Paradies“.

Sie sucht den Weg ins Paradies: Starsopranistin Chen Reiss. Foto: Paul Marc Mitchell
Sie sucht den Weg ins Paradies: Starsopranistin Chen Reiss. Foto: Paul Marc Mitchell

Beim diesjährigen Musikfest Stuttgart geht es um einen großen Sehnsuchtsort der Menschen. Mehr als 460 Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa machen ihn zugänglich. In 24 Konzerten dreht sich während der 16 Festivaltage alles ums Paradies. Das Musikfest Stuttgart liefert den Soundtrack zur Sehnsucht nach diesem einen Ort, wo alles gut ist. Wie klingt er? Wie kommt man vielleicht dahin? Wie fühlt er sich an? In überbordender Fülle bietet das Festival herausragende Künstlerinnen und Künstler auf, die mit ihren Werken und Programmen diesen Fragen nachgehen.

Los geht es am 18. Juni, 19 Uhr, im Beethoven-Saal der Liederhalle. Dort sind, weil das Thema so groß ist und weil es ja auch die Eröffnung ist, gleich zwei Orchester zu erleben. Im ersten Teil steht der Dirigent und Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart vor dem Stuttgarter Kammerorchester. Im Alltag residieren die beiden Kulturinstitutionen im selben wunderschönen Gebäude am Fuße der Karlshöhe. Nun teilen sie sich die Bühne. Auf den Notenpulten liegt dann ein Meisterwerk der jüngeren Musikgeschichte: „Sieben Worte“. Geschrieben hat es die vielleicht berühmteste lebende Komponistin, Sofia Gubaidulina. Das Werk ist voller magischer Klänge, es raunt geheimnisvoll und schafft eine einzigartige Atmosphäre, in der das Paradies als Vision aufleuchtet. Schließlich geht es um die letzten Worte Jesu, bei denen es unter anderem heißt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Im zweiten Teil des Eröffnungsabends kommen dann historische Instrumente aus der Zeit um 1800 zum Einsatz, außerdem ein klangvoller Chor. Zusammen sind sie die Gaechinger Cantorey und interpretieren ebenfalls „Sieben Worte“ – die genau genommen sieben Sätze sind. Joseph Haydn vertonte sie ganz anders: Hier gibt es plastische Bilder, es wird lebendig erzählt und ausgeleuchtet.

Am Ende des Musikfests Stuttgart wartet dann der ganz große romantische Klang. Am 3. Juli, 17 Uhr, ebenfalls in der Liederhalle, musizieren namhafte Solistinnen und Solisten, die Gaechinger Cantorey und das Sinfonieorchester Basel mit Hans-Christoph Rademann „Das Paradies und die Peri“. Peri ist Persisch und bedeutet Fee oder Elfe. Ebenjene Peri ist die Tochter eines gefallenen Engels und einer Sterblichen. Dieses Mischwesen kann erst ins Paradies aufgenommen werden, wenn es eine Gabe beibringt, „die dem Himmel genügt“. Robert Schumann schuf vor rund 180 Jahren ein Meisterwerk, es sollte sein größter Erfolg zu Lebzeiten werden. Noch heute ist es eine Geschichte über Grenzen und ihre Durchlässigkeit. Es geht um den Umgang mit Fremdem. Schumann schuf so auch ein Lehrstück über Reue und Mitleid.

In den zwei Wochen zuvor jedoch wird an den vollgepackten Festivaltagen die ganze Stadt zum Klingen gebracht: Von Barockmusik bis Jazz reicht die Palette. Alle Infos gibt es unter www.musikfest.de. red


Bach total

Perspektiven. Für Barockfans gibt es sechs exquisite Konzerte in der Stiftskirche.

„Sichten auf Bach“, das ist jene Reihe, in der sich das Who’s who der Bach-Interpretierenden versammelt. Ob in raffinierten Dramaturgien, mit erlesenen Solistinnen und Solisten oder schlichtweg mit überraschenden Interpretationen: „Sichten auf Bach“ in der Stiftskirche Stuttgart lässt die Herzen der Barockfans höherschlagen.

Wenn der Däne Lars Ulrik Mortensen (Foto oben) Musik macht, dann ist das Energie pur. Er verkörpert wie kaum ein anderer Lebendigkeit, musikalische Intuition und interpretatorische Freiheit. Am 22. Juni ist Mortensen mit drei Bach-Kantaten als Dirigent und am Cembalo zu erleben. Einen Tag später kommt das britische Künstlerkollektiv Solomon’s Knot zum Musikfest. Das gefeierte Vokalensemble singt auswendig und lässt möglichst wenig Raum zwischen der Musik und dem Publikum. Sie wollen einen musikalischen Knoten, eine Hör- und Erlebnisgemeinschaft bilden. In Stuttgart stellen sie erlesene Motetten von Johann Sebastian und Johann Christoph Bach vor.

In seinem Konzert innerhalb der „Sichten auf Bach“ am 24. Juni spürt Hans-Christoph Rademann mit Bach dem Heiligen Geist nach, der auch ein Symbol für Kreativität und neue Erfahrungen ist. Ganz in diesem Sinne hat die Bachakademie einen großen Kreativen, den Komponisten Mark Andre, beauftragt, für dieses Konzert ein neues Werk zu schaffen. Der gefeierte tschechische Dirigent Václav Luks mit seinem Collegium 1704 (27. Juni), das Capricornus Consort aus Basel (28. Juni) und der Cembalist Andreas Staier (29. Juni) komplettieren diese außergewöhnliche Reihe, bei der die Musik von Bach in all ihrer Größe und Schönheit gefeiert wird. red


Offene Grenzen

Unerhört. Nicht nur das Paradies, sondern auch neue Konzert-erlebnisse werden gesucht.

Ausgefallene Orte, Klangexperimente, das Spiel mit Formen und kühne Kombinationen: Das Musikfest Stuttgart lotet verschiedenste Spielarten der Musik aus. Dabei verwischen Genregrenzen, neue Ausdrucksformen und Erfahrungsräume öffnen sich.

Im Mercedes-Benz-Museum empfängt das Publikum „Signals from Heaven“ mit Salaputia Brass und Jeroen Berwaerts am 19. Juni. Die Dürnitz wird am 21. Juni Schauplatz eines lässig-loungigen Jazzabends mit dem Emil Brandqvist Trio. Die Pianistin Saskia Giorgini spielt am 25. Juni rauschhaften und verträumten Liszt im Gustav-Siegle-Haus, dem dann im Bix das David Gazarov Trio antwortet. Der weltweit gefeierte Countertenor Valer Sabadus macht mit der Klassik-Band Spark eine musikalische Reise von Barock bis Depeche Mode – und zwar im Wizemann (28. Juni). Ein mystisches Ereignis wartet in St. Fidelis am 1. Juli: Die Barockgeigerin Mayumi Hirasaki spielt alle „Rosenkranz-Sonaten“ von Heinrich Ignaz Franz Biber. Das Publikum versammelt sich im Kreis um die Musik und kann in den Abend hineinmeditieren. Schließlich haben im Bach-Club der Bachakademie sechs Schülerinnen ihr eigenes Musikfest-Konzert konzipiert. Mit dem furiosen Stegreiforchester im Wizemann und Musik von Beethoven entsteht am 20. Juni ein Abend, über den man noch lange reden wird. red