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Finanzen

Mit Sachwerten aus der Zwickmühle

Geldanlage. Schon lange fällt es Anlegern im Euroraum schwer, Renditen mit überschaubarem Risiko erwirtschaften zu können. Nun ist auch noch die Inflation dabei.

Foto: dpa-tmn

23.11.2021

Wie können Investoren es schaffen, der Zwickmühle zwischen einem negativen Realzins und anziehender Teuerung zu entkommen? Ein ausbalanciertes Aktiendepot kann als Inflationsschutz für das Vermögen dienen.

Die Inflationsrate wird im Gesamtjahr voraussichtlich 3,1 Prozent zu erreichen. 2022 dürfte es allerdings zu einer gewissen Entspannung kommen, denn sowohl die Notenbank als auch Wissenschaftler und Banker betrachten unisono den Höhenflug der Teuerungsrate als ein vorübergehendes Phänomen. Zum einen ist da der Anstieg der Mehrwertsteuer von 16 zurück auf 19 Prozent, der als Basiseffekt ab Januar 2022 nicht mehr sichtbar sein wird. Der zweite Effekt sind Lieferengpässe, wodurch Erzeugerpreise dramatisch gestiegen sind, was sich auch auf die Verbraucherpreise auswirkt. „Sobald die Lieferprobleme überwunden sind, wird auch dieser Preiseffekt auslaufen – voraussichtlich 2022“, erläutert Mario Peric, Bereichsvorstand bei der Commerzbank. Hinzu kam der zuletzt gestiegene Rohölpreis, der sich 2020 etwa verdoppelt hatte und sich nach Erwartung des Instituts bei 75 Dollar bis Ende 2021 einpendeln dürfte. Ein bleibender Effekt wird die CO2-Steuer in Höhe von 25 Euro je Tonne sein, die die Verbraucher seit Januar 2021 auf Benzin, Heizöl und Gas bezahlen. Bis 2025 soll diese Abgabe noch auf 55 Euro je Tonne steigen. Vor diesem Hintergrund rechnet die Commerzbank für 2022 mit einer Inflation von 2,75 Prozent. Die Bethmann Bank erwartet hier 2,0 Prozent in der Eurozone und etwas über drei Prozent in den USA. „Aber das tiefe Niveau von vor der Pandemie werden wir nicht mehr erreichen“, sagt Markus Heilig, Stuttgarter Niederlassungsleiter der Bethmann Bank. Strukturelle Faktoren wie Demografie und Klimaschutz sprechen dann laut Commerzbank ab 2024 für eine strukturell höhere Inflation.

Den Weg aus der Zwickmühle zwischen Minuszins und Inflation weisen in den Augen vieler Banker Sachwerte wie insbesondere Aktien, aber auch Immobilien, Rohstoffe und mit Abstrichen Gold – „zumindest solange die Inflation nicht ausufert“, so Peric von der Commerzbank. „Ein gut diversifiziertes Portfolio kann gegen nahezu alle Unwägbarkeiten einen gewissen Schutz bieten“, sagt Jens-Oliver Niklasch, Analyst des LBBW Research. Klar müsse man dabei auch Risiken in Kauf nehmen, damit sich überhaupt Renditechancen eröffnen. Dazu zählt Niklasch eben auch Investitionen in Aktien, um die man für einen langfristigen Vermögensaufbau nicht herumkomme. Ulrich Stephan etwa, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, setzt darauf, nach markenstarken Firmen mit hoher Preissetzungsmacht sowie Herstellern und Händlern von Produkten mit Absatzmärkten mit hoher Konsumentenkaufkraft und -nachfrage Ausschau zu halten. „Denn diese sollten auch kurzfristig in der Lage sein, die gestiegenen Inputpreise weiterzugeben und ihre Gewinnmargen zu halten“, rechnet Stephan. Ähnlich sieht man das bei der Bethmann Bank.

„Es geht bei einem gut strukturierten Depot darum, auf Branchen zu setzen, die mit Inflation umgehen können“, macht Heilig klar. Was er damit meint, sind starke Marken insbesondere im hochwertigen Konsumgüterbereich, aber auch Industriewerte, die über eine gewisse Preissetzungsmacht und ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfügen. „Unternehmen mit wenig austauschbaren Produkten sind gefragt“, so Heilig. Eine aktive Selektion von Einzeltiteln im Depot könne hier eine ganze Menge bringen, das sei eben der Job eines guten Vermögensverwalters. Auch inflationsindexierte Anleihen können laut Heilig ein Teil der Lösung sein.

Sind die Marktzinsen bei null, kann Gold interessant werden, da keine Opportunitätskosten anfallen. Damit wirken derzeit zwei Kräfte auf den Preis des Edelmetalls ein. Während die Inflation den Goldkurs eher nach oben treibt, zieht die Ahnung höherer Zinsen den Preis nach unten. Den stärksten Impuls aber übt dabei der Realzins aus, der sich aus den Nominalzinsen abzüglich der Inflationsrate ergibt und derzeit in Deutschland bei minus 2,5 Prozent liegt. Sollten die Notenbanken die Zinsen nicht erhöhen oder es erhöht sich die Inflation, wird der Realzins noch weiter sinken – was dem Edelmetall Rückenwind verleihen dürfte. Thomas Spengler