Ich will meine Berge sehen“, lauteten Giovanni Segantinis (1858-1899) letzte Worte. Am 28. September 1899, starb der Kunstmaler, 2731 Meter über dem Meer auf dem Schafberg im Kanton Graubünden. Eine Bauchfellentzündung riss den 41-Jährigen aus dem Leben. Mitten in den Bergen arbeitete Segantini bei Minusgraden an seinem Meisterwerk: dem Alpen-Triptychon.

Die Hütte, in welcher der bereits zu Lebzeiten populäre Künstler seinen letzten Atemzug tat, fungiert heute als Station für Wanderer. Dort eröffnet sich ein spektakulärer Blick auf die Bergwelt des Oberengadins. Die kraftvolle Präsenz der Gipfel lässt nachvollziehen, warum Segantini das Hochgebirge zu seinem bevorzugten Sujet auserkor.
Heute gelangt der Gast mit Bergbahnen in selbst hoch gelegene Regionen. Für den Maler musste von der Staffelei bis zur Leinwand alles hinauf geschleppt werden. Segantini malte unter freiem Himmel direkt in den Bergen. Er vereinte Licht und Landschaft zu einem erhabenen Zauber.
Selbst wenn einzelne Gipfel auf seinen Gemälden identifiziert werden können, ging es ihm nicht um eine naturgetreue Darstellung. Sein Stil hob sich von der realistischen Landschaftsmalerei ab. Dabei übte sich der Künstler im Divisionismus, einer Technik der dicht nebeneinander aufgetragen kleinen Pinselstriche.
In Majola zwischen Oberengadin und Bergell ließ sich Segantini nach einer verlorenen Kindheit als einst mittelloser Analphabet mit seiner Frau Bice Bugatti und den Kindern 1894 im Chalet Kuoni nieder. Das stattliche Schweizer Haus steht an der Hauptstraße des Alpendorfs. Das angebaute Atelier wird mittlerweile als Ausstellungsraum genutzt. Allerdings hat Giovanni Segantini in dem Rundbau nie gemalt, aber sein Sohn Gottardo.
Die Enkelin des Malers führt Gäste auf dem Themenpfad Sentiero Segantini von einem Originalschauplatz in Majola zum nächsten. „Er war ein Maler auf dem Weg der Moderne“, sagt Gioconda Leykauf-Segantini. Dann öffnet die 83-Jährige das Riegelschloss der Chiesa Bianca. In der schlichten Kirche am Dorfrand sind Bilder ihres Großvaters zu sehen. Auch wenn es sich dabei nur um Drucke handelt, atmen die Besucher die Aura des Authentischen, denn just an diesem Ort wurde Giovanni Segantini nach seinem Tod aufgebahrt.
Einen Panoramaweg weiter befindet sich der Bergfriedhof von Maloja. Wer ihn betritt, entdeckt sogleich das Familiengrab der Segantinis. Vom schlichten Grabstein des Malers der Berge wandert der Blick auf die Gipfel. Das hätte Segantini sicherlich gefallen.
Am Majola-Pass ziehen sich die Serpentinen der Passstraße hinunter ins Bergell, dem wildromantischen Val Bregaglia. Die Familie Segantini verbrachte die Winter dort im sonnenverwöhnten Bergdorf Soglio und bezog im Palazzo Salis Quartier. Gut vorstellen kann man sich, wie der Maler in der Umgebung die schneebedeckten Dreitausender auf der Leinwand festhielt. Selbst im Winter malte er im Freien.
Noch heute bietet der 400 Jahre alte Palazzo Salis Gästen Unterkunft. Das Parkett im Segantini-Zimmer knarrte wohl schon unter des Malers Schritten. „Wir sind aber kein Museum“, beteuert die Hoteldirektorin Monica Cicognani, „selbst wenn in unserem historischen Garten bedeutende Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke oder Alberto Giacometti wandelten.“

Der weltbekannte Bildhauer Alberto Giacometti (1901-1966) stammte aus dem nahen Dorf Stampa. Ein ausgebauter Stall neben dem Wohnhaus diente einst als Atelier: zuerst seinem Vater, dem postimpressionistischen Maler Giovanni Giacometti, dann Alberto selbst. Der namhafte Künstler lebte zwar in Paris, besuchte aber regelmäßig die von ihm verehrte Mutter in seinem Schweizer Heimattal Bergell.
In dem hohen Atelierraum mit vielen Fenstern scheint der Bildhauer und Maler noch präsent zu sein. Da stehen seine originalen feinen Pinsel aus Paris. Im Holzboden fallen die schwarzen Brandlöcher von den Streichhölzern des Kettenrauchers ins Auge.
Vor der Staffelei wartet sein Schemel, als hätte der Künstler eben den Raum verlassen. An der Unterseite der Sitzfläche kleben noch die abgestreiften Farbreste von Albertos Fingern. „Dieser originale Sitzhocker kam via Sotheby's wieder zurück ins Bergell“, erläutert Jakob Messerli vom Museo Ciäsa Granda, zu dem das Atelier heute gehört. Im Museum von Stampa bestimmt eine einzelne Giacometti-Plastik den Hauptausstellungssaal: ein sitzender Mann in typisch schmaler Figur mit eindringlichen Augen.
Die Bronzestatue zählt zu den wenigen Werken von Alberto Giacometti, die im Bergeller Tal zu besichtigen sind. Ansonsten findet man Albertos große Plastiken in den Museen der Welt.
„Die weit verzweigte Familie Giacometti hat mehrere Künstler hervorgebracht, neben Alberto auch Diego, Giovanni oder Augusto“, erklärt Marco Giacometti. Der Familienangehörige, der als Lehrer in Stampa lebt, eröffnete im Jahr 2023 das Centro Giacometti als Veranstaltungsort und Treffpunkt für Interessierte.
Der 2024 fertiggestellte Themenweg Sentiero Giacometti führt auch nach Borgonovo. In dem winzigen Dorf erblickte Alberto Giacometti, der bereits in den 1960er Jahren mit Retrospektiven in London und New York geehrt wurde, 1901 das Licht der Welt. Sein Geburtshaus liegt in der engen Hauptgasse.
Größer könnte der Kontrast zum späteren Weltruhm des Bildhauers kaum sein. Der prominente Künstler bewegte sich in zwei gegensätzlichen Welten ohne Probleme hin und her, ob er in Paris mit Sartre diskutierte oder in Stampa mit einem Bauern sprach.
Borgonovo steht für Anfang und Ende. Begraben wurde der Mensch Alberto Giacometti auf dem Friedhof der Kirche San Giorgio, seine Kunst aber lebt weltweit fort. So haben Alberto Giacometti und Giovanni Segantini gleichermaßen ihre letzte Ruhestätte im Schein der Graubündner Berge gefunden.
Welche Inspiration von dieser Bergwelt ausgeht, wird im Segantini-Museum in St. Moritz deutlich. Sein Kuppelsaal widmet sich allein dem Alpen-Triptychon des Bergmalers. Es ist ein Raum der Alpenmeditation. Von allein senken die Besucher ihre Stimme. Drei monumentale Bilder erzählen vom Leben, der Natur, dem Tod. Vom Werden, Sein und Vergehen. Alles, was große Künstler bewegt. Alles, was den Menschen ausmacht. Auch den Reisenden.
Von Daniela David
SCHWEIZ

Anreise Mit dem Zug ab Stuttgart via Zürich über den grandiosen Bernina Pass nach St. Moritz, dann mit dem Postbus weiter nach Maloja und Soglio. Infos: www.bahn.de , www.sbb.ch , www.postauto.ch .
Unterkunft Im historischen Ambiente und schönem Garten: Hotel Palazzo Salis in Soglio, Doppelzimmer ab 240 Euro, www.palazzosalis.ch . Einfache, renovierte Zimmer direkt an der Grenze zu Italien in Castasegna: Das Pöstli, Doppelzimmer 60 bis 150 Euro, https://daspoestli.smoobu.net .
Aktivitäten Führungen im Giacometti-Atelier in Stampa sind im Museo Ciäsa Granda zu buchen, Eintritt rund 6 Euro, www.ciaesagranda.ch . Führungen auf dem Giacometti-Themenweg bietet das Centro Giacometti an, www.centrogiacometti.ch . Empfehlenswert ist ein Besuch des Segantini-Museums in St. Moritz, Eintritt rund 16 Euro, https://segantini-museum.ch . Segantini-Führungen in Maloja: www.segantini.com
Allgemeine Informationen www.graubuenden.ch , www.bregaglia.ch , www.engadin.ch , www.myswitzerland.com dd