AIs die sagenhafte antike Dichterin Sappho aus ihrer Heimat Lesbos verbannt wurde, wählte sie als Fluchtziel eine andere Insel: Sizilien. Der geniale Maler Caravaggio ließ sich Jahrhunderte später vom Lokalkolorit Siziliens inspirieren. Und ebenso erlagen die sprachgewaltigen deutschen Dichter Johann Gottfried Seume und Johann Wolfgang von Goethe vor über 200 Jahren den Reizen der Insel.
Sizilien birgt kulturelle Schätze von außergewöhnlicher Schönheit und Extravaganz. Siziliens Berge und Küsten faszinieren. Seine Olivenplantagen, seine Weinfelder, seine Zitronenhaine, ja auch seine Strände genießen legendären Ruf. Und seine Menschen, in Jahrhunderten zusammengewürfelt aus Migranten aus Griechenland, römischen Provinzen oder Nordafrika, verdienen es nicht, in einem Atemzug mit den mafiosen Aktivisten der Cosa Nostra genannt zu werden.
Als Johann Wolfgang von Goethe am 2. April 1787 in Palermo auf seiner Italienreise an Land ging, kannte seine Begeisterung über die „Königin der Inseln“ keine Grenzen. Er ergötzte sich am frischen Grün der Maulbeerbäume. Er lobte milde, warme, wohlriechende Luft und war beeindruckt vom weit hingestreckten Ufer mit Buchten, Landzungen und Vorgebirgen.
Nicht alles, was dem deutschen Dichterfürsten damals beim Landgang auf Sizilien widerfuhr, kann der Reisende heute erleben. Aber beim Gang durch die Metropole der Insel stößt er, wie Goethe, auf die mächtige Kathedrale mit der Palermos Schutzpatronin Rosalia geweihten Kapelle wie auf die Staufergräber Friedrichs II. und seines Vaters Heinrich VI.

Die Luft in Palermo hält den Vergleich mit der von Goethe bewunderten Luftreinheit sicher nicht aus, wenn man die Automassen auf den Straßen der Stadt sieht. Aber Palermos Fußgängerzone, die renovierten Barockpaläste des sizilianischen Adels, die lebhaften Märkte und das vielfältige Kulturleben von der Oper bis zu prächtigen Modeschauen machen Palermo, wie Kenner behaupten, immer mehr zu einem „Paris des Südens“. Nur ein halbes Stündchen von Palermo entfernt liegt das Bergstädtchen Monreale. Der Normannendom mit seinen golden schimmernden Mosaiken überwältigt den Betrachter. Seit fast 1000 Jahren belegt dieses aufwendige Kunstwerk aus unendlich vielen „Würfelchen“ den Machtanspruch des Königs gegenüber dem Papst. Und wer vom strahlenden Gold nicht geblendet ist, kann Muße und Besinnlichkeit im harmonischen Kreuzgang des benachbarten Benediktinerklosters suchen.
Palermo und seine Umgebung sind aber nur ein Ausschnitt eines grandios bunten Inselbildes. Auf verschlungenen Pfaden durch die Insel kann man Einkehr bei Alfonso in Farruggia halten - um sein delikates Olivenöl zu probieren. Auf der Nettare d'Oliva werden nur drei Olivensorten angebaut, drei von rund 25 existierenden Sorten. Der Besucher lernt, von welchen Faktoren die Güte des Öls abhängt: von der Sonne ebenso wie von der aggressiven Kampflust der feindlichen Olivenfliege und dem Geschick des „Ölmeisters“, die gepresste Olivenpaste zum richtigen Zeitpunkt weiter zu verarbeiten. Sizilianische Öle werden in ihrer Qualität allenfalls von den apulischen übertroffen.
Das Tal der Tempel bei Agrigent, das eigentlich ein Höhenrücken mit säulenreichen Beispielen griechischer Baukunst ist, wurde auch von Goethe durchwandert. Nicht alles gefiel ihm, aber der Concordia-Tempel und seine schlanke Baukunst „nähert ihn schon unserm Maßstabe des Schönen und Gefälligen“ an. Dagegen glänzt der Zeus-Tempel nur mit einer wunderschönen farbig gestalteten Abbildung. Eine junge deutsche Touristin kommentiert im Vorbeigehen bedauernd: „Das wäre cool, wenn der noch so stehen würde.“
Die Villa Romana del Casale in Piazza Armerina nicht zu besuchen, wäre geradezu ein strafwürdiges Vergehen gegenüber den sizilianischen Welterbestücken. Römischer Senatorenadel schmückte sich mit prunkvollen Landgütern. Erbaut im 4. Jahrhundert, als die Kunst der Mosaike ihren Höhepunkt erreichte, wurden in der Villa Romana in privaten und repräsentativen Räumen auf 3500 Quadratmetern über 120 Millionen Steinchen kunstvoll verlegt. Jagd- und Kampfszenen wurden ebenso wie Tierköpfe, auch exotischer Provenienz, zum Schmuck der Böden dargestellt.
Sizilienreisende, die das Erlebnis, den Ätna nicht nur zu sehen, sondern auch den ruhenden oder vielleicht sogar aktiven Feuerschlünden näher zu kommen, nicht missen wollen, müssen deshalb auf einen Abstecher in das fast mondäne Taormina nicht verzichten. Aber den Ätna, Europas aktivstem Vulkan, durch pechschwarzen Lavakies stapfend zu erklimmen, hat seinen unvergleichlichen Reiz. Am Refugio Sapienza die Gondelbahn auf 2000 Meter Höhe zu besteigen und 500 Meter höher den nicht billigen Service geländegängiger Kleinbusse zu nutzen, das bringt den Vulkanbesucher in die Nähe etlicher Krater. Der Blick hinunter, wenn es denn die Wolken gestatten, ist traumhaft und unvergesslich.
Man scheint sich die Insel untertan gemacht zu haben mit dem Feuerberg im Rücken, eine Insel, die ihre Einmaligkeit aus der Vielfalt der Völkerschaften bezieht, die sich in Jahrhunderten am Mittelmeer angesiedelt haben und der Menschheit ein wertvolles Erbe hinterlassen haben. Weil sie Vielfalt gelebt haben oder wie es der Weimarer Geheimrat von Goethe in seiner „Italienischen Reise“ formulierte: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“
Von Sten Martenson
SIZILIEN

Anreise Eurowings fliegt ab Stuttgart direkt nach Catania, sowie in der Zeit zwischen April und Oktober auch direkt nach Palermo, www.eurowings.com .
Veranstalter Studiosus (www.studio-sus.com ) bietet mehrere Rundreisen durch Sizilien zwischen 8 und 14 Tagen Dauer an. Die Preise liegen zwischen 1600 und 3700 Euro je nach Dauer und Jahreszeit. Auch SKR Reisen (www.skr.de ) und World Insight (www.world-insight.de ) haben Sizilien im Angebot.
Reisezeit und Sicherheit Frühling und Herbst empfehlen sich als beste Reisezeit. Auch der Sommer ist schön, doch dann können Saharawinde aus dem nicht fernen Afrika zu sehr hohen Temperaturen (bis 40 Grad) führen. In den größeren Städten sollte man sich achtsam verhalten, denn wie auch in anderen Touristenortenmuss man auf Taschendiebstähle gefasst sein.
Allgemeine Informationen Italienisches Fremdenverkehrsamt, www.italia.it/en son