Die 155 „frisch gebackenen“ Gesellinnen und Gesellen haben für ihre Ausbildung im Handwerk eine sehr gute Zeit gewählt. Das betonte der Vizepräsident der Handwerkskammer Region Stuttgart, Jens Klaiber, bei der Lossprechungsfeier der Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen im Wernauer Quadrium. Denn im vergangenen Jahr habe sich viel getan: „Inzwischen folgt das Handwerk bei Umfragen in der Beliebtheit gleich auf die Feuerwehr.“
Ein lohnender Aufenthalt
Manchmal muss man für etwas Wertvolles Opfer bringen. Das hat die Steinmetzin Anna Katharina Buckmüller getan: Drei Monate lang tauschte sie ihr reguläres Einkommen gegen ein Taschengeld der Handwerkskammer, das sie während ihres dreimonatigen Aufenthalts im EU-Programm „Erasmus+“ bekam. Dann war sie von ihrem Aufenthalt in Volterra in der Toskana so begeistert, dass sie später privat zurückgekehrt sei, erzählte sie in der Talkrunde mit dem Moderator Rafael Treite. Sie bekam dort im ersten Monat einen Italienischkurs, schloss neue Freundschaftenund nahm Erinnerungen mit, die sie wohl Jahrzehnte begleiten werden.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagte Kreishandwerksmeister Karl Boẞler, der weiter auf den lange ersehnten Bürokratieabbau wartet: „Die Handwerker müssen mehr Zeit in ihre eigene Arbeit investieren können, statt irgendwelche Listen auszufüllen.“ Bis der landkreisweite Parkausweis für Handwerker kam, habe es viele Jahre gedauert, doch nun sei er genehmigt. Er hoffe, dass die wohnortnahe Beschulung auch künftig erhalten bleibe und nicht daran scheitere, dass es in einer Klasse streng rechnerisch zwei oder drei Auszubildende zu wenig gebe. Fabian Weber, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Esslingen, ermunterte die neuen Gesellen, bei ihrer Weiterentwicklung in viele Richtungen zu denken. Das könne eine Teilnahme an Erasmus+ sein, der Weg zum Meister oder die fachliche und betriebswirtschaftliche Weiterbildung. „Da stehen euch im Handwerk alle Türen offen.“
Eine begeisternde Showeinlage
Bei früheren Lossprechungsfeiern war der Tänzer Sven Weller mit dem Künstlernamen „Poppin Hood“ zu Gast. Diesmal war der zweifache Weltmeister und zwölffache Deutsche Meister nicht alleine da, sondern hatte Meisterschaftsteams aus seinem Poppin-Hood-Dance-Studio in Echterdingen mitgebracht Die jungen Tänzer beherrschen auch solche Muskeln und Gelenke, von denen normale Leute nicht einmal wissen, dass sie diese besitzen. Ihre Aufführungen zum Playback wurden mit sehr viel Applaus belohnt. Poppin Hood hat übrigens einen direkten Bezug zum Handwerk: Er ist gelernter Stuckateur.
Ausbildungs-TV vor Ort
In einem Kurzfilm stellte Rafael Treite den Anlagenmechaniker Lasse Kressler vor. Nach dem Abitur eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker zu machen, war nicht sein ursprünglicher Plan. Doch nach einem Praktikum bei Thomas Laipple in Ostfildern entschied er sich dafür und hat seine Ausbildung mit der Gesamtnote 1,8 abgeschlossen. Von seinem Chef gab es ein dickes Lob: „Er ist lernwillig und sich für nichts zu schade.“ An dem Beruf gefällt ihm, dass er die Ergebnisse seiner Arbeit sehen kann: „Am Ende des Tages kann ich sagen, dieses Bad habe ich gemacht, diese Heizungsanlage habe ich installiert.“ Nun will er mit der Meisterausbildung beginnen.
Der Anlagenmechaniker war am beliebtesten
Insgesamt 50 der 155 Auszubildenden hatten sich diesmal für den Anlagenmechaniker entschieden, 49 für den Kraftfahrzeugmechatroniker. Damit waren diese beiden Berufe mit Abstand am beliebtesten. An dritter Stelle folgten 23 Elektroniker. Alle anderen Ausbildungsberufe waren einstellig vertreten: sieben Feinwerkmechaniker, sechs Friseure, fünf Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, vier Metallbauer, drei Kauffrauen für Büromanagement, zwei Tischler, zwei Bäckerinnen und Bäcker und je ein Zimmerer, Stuckateur, Steinmetz und Steinbildhauer und eine Fachkraft für Metalltechnik.
Die Besten des Gewerks auf der Bühne
Die besten Gewe-Bunne Zu den Besten des Gewerks zählt Tamara Prieler, sie erreichte als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk im Bäckerhaus Veit in Bempflingen die Gesamtnote 1,3. Die Kraftfahrzeugmechatronikerin Maureen Trauth setzte sich unter 49 Auszubildenden ihres Gewerks vor allen Männern an die Spitze und erreichte bei Björn Schwarzer in Kohlberg die Gesamtnote 1,6. Nun will sie in ihrem – laut Originalton – „Traumberuf“ zuerst einmal Erfahrung als Gesellin sammeln und dann weitersehen. Der Anlagenmechaniker Alexander Alber erreichte bei Alber in Filderstadt die Gesamtnote 1,7. Luca Klotzbücher, bei HugoReckerth in Filderstadt zum Feinwerkmechaniker ausgebildet, erreichte die Gesamtnote 1,8. Die Bäckerin Sara Sting erreichte bei Frank Bohnacker in Lenningen die Gesamtnote 2,0, der Zimmerer Simon Bosler bei Merkle Holzbau in Bissingen die Gesamtnote 2,2.
Die Kammerpreisträger
Die beiden Kammerpreisträger sind zugleich die Besten ihres Gewerks – aber eben noch mehr. Die Kauffrau für Büromanagement Rebecca Friedel hat ihre Ausbildung bei Heinrich Schmid in Filderstadt mit der Gesamtnote 1,4 abgeschlossen, der Tischler Florian Siebert seine Ausbildung bei Reinhard Mäckle in Altbach mit der Gesamtnote 1,3.
Lossprechung und Gesellentrunk
Karl Boßler sprach die Prüflinge von den Pflichten in ihrer Ausbildungszeit frei und gratulierte ihnen zur Erhebung in den Gesellenstand. „Ihr werdet zu Trägern eines jahrhundertealten Qualitätssiegels“, sagte er. „Ein Siegel, das für Verlässlichkeit, Präzision und Menschlichkeit steht. Von heute an repräsentiert ihr das Handwerk nicht nur mit eurem Können, sondern auch mit eurem Charakter.“ Nach der Lossprechung luder alle Prüflinge zum Gesellentrunk ein.
Von Peter Dietrich
Arbeiten im Handwerk lohnt sich - auch finanziell
Das Vorurteil, das Handwerk bezahle schlecht, hält sich hartnäckig. Eine Studie aus Baden-Württemberg belegt: Wer sich für eine Karriere im Handwerk entscheidet, trifft auch finanziell eine starke Wahl.
Das Handwerk in Baden-Württemberg punktet nicht nur mit Sinnstiftung und Zukunftssicherheit – sondern auch mit attraktiven Verdienstmöglichkeiten. Das zeigt eine Vergütungserhebung des Ludwig-Fröhler-Instituts (LFI) im Auftrag der acht baden-württembergischen Handwerkskammern. „Von Anfang an bezahlt das Handwerk gegenüber anderen Branchen konkurrenzfähige Vergütungen“, stellt Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart, fest. In der Ausbildungsvergütung liegt das Handwerk im bundesweiten Vergleich vorn. Die höchsten durchschnittlichen Vergütungen im ersten Lehrjahr im Handwerk erhalten Elektrotechniker und Kraftfahrzeugtechniker, Maurer und Betonbauer, Zimmerer sowie Metallbauer. Sie verdienen etwa 1000 Euro brutto pro Monat. Nur Pflege und öffentlicher Dienst zahlen mehr. Fertig ausgebildete Gesellen verdienen im Schnitt mehr als 3100 Euro brutto - in Berufen wie dem Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk oder der Feinwerkmechanik sogar bis zu 3700 Euro. Wer nach der Gesellenausbildung noch die Meisterschule absolviert, kann monatlich bis zu 1500 Euro mehr verdienen. „Das ist ein klares Signal an alle Gesellinnen und Gesellen da draußen: Eine Fortbildung zum Meister oder zur Meisterin zahlt sich definitiv aus“, sagt Reichhold. Insgesamt stehen Meisterinnen und Meister, die Führungsebene im Handwerk, mit einem durchschnittlichen Bruttogehalt von 4500 Euro und Spitzenverdiensten von bis zu 8000 Euro im Monat Bachelorabsolventen in Industrie- oder Dienstleistungsbranchen in nichts nach.
Qualifikation zahlt sich aus
Gerade in Zeiten des wachsenden Fachkräftemangels werden gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker händeringend gesucht und entsprechend bezahlt. „Aktuell warten Handwerksbetriebe im Schnitt acht Monate auf passende Auszubildende. Gesellen- und Meisterstellen sind im Schnitt sogar zehn Monate unbesetzt“, berichtet Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Um Fachkräfte anzulocken, würden die Betriebe öfter auf eine hohe Vergütung setzen. Entscheidend sei für die Unternehmen bei den Gehältern vor allem die Qualifikation, Erfahrung und der Einsatz der Mitarbeitenden, erklärt Handwerkspräsident Rainer Reichhold: „Im Handwerk gilt: Wer mehr kann, verdient mehr. Die Betriebe zahlen überdurchschnittlich, wenn Fachwissen, Führungsverantwortung oder besondere Leistungsbereitschaft im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen vorliegen.“ Dabei spiele es keine Rolle, ob ein Unternehmen auf dem Land oder in der Stadt sei. „Die Studie zeigt: Im Handwerk wird über die Regionen hinweg gleich gut bezahlt“, sagt Präsident Reichhold.
Die Studie zeigt auch: Es gibt noch Verbesserungspotenziale. Den Betrieben sei laut der Umfrageergebnisse zwar klar, dass die Vergütung – nach Betriebsklima und persönlichem Kontakt - der drittwichtigste Faktor für die Mitarbeiterbindung im Handwerk sei. Trotzdem kommunizierten sie die sehr guten Entwicklungsmöglichkeiten beim Gehalt, die sie ihren Fachkräften bieten, häufig nicht nach außen, stellt Kammerchef Peter Friedrich fest: „Dieses Potenzial der Mitarbeitergewinnung bleibt leider oft ungenutzt. Dabei ist eins klar: Gute Bezahlung zieht Fachkräfte an und da brauchen wir uns im Handwerk nicht zu verstecken.“ red