Wie das Taj Mahal in Indien ist auch die Grabkapelle in Stuttgart das Monument einer großen Liebe. Der württembergische König Wilhelm I. ließ das Denkmal einst für seine geliebte Ehefrau errichten und schuf damit in Stuttgart einen der romantischsten Orte des Landes. Die Geschichte reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als sich der damalige Kronprinz Wilhelm von Württemberg 1816 mit seiner Cousine Katharina Pawlowna vermählte. Er setzte damit die enge Beziehung zwischen dem russischen und dem württembergischen Herrscherhaus fort, schließlich war Katharinas Mutter eine gebürtige Württembergerin. Die junge Königin war beim Volk beliebt und gewann dank ihrer umfangreichen Wohltätigkeitsarbeit rasch die Herzen ihrer Untertanen. Doch Katharina verstarb überraschend im Januar 1819 und wurde nur 30 Jahre alt.
Das Mausoleum wurde von 1820 bis 1824 errichtet
Das Band der Liebe aber war so stark, dass König Wilhelm I. ihr ein Denkmal setzen wollte. Zunächst wurde die junge Königin in der Stuttgarter Stiftskirche beigesetzt, doch schon bald entstand die Idee einer Grabkapelle auf dem 411 Meter hohen Württemberg, der damals noch Rotenberg hieß.
Der aussichtsreiche Ort war einer der Lieblingsplätze der verstorbenen Königin, allerdings befand sich an dieser Stelle seit dem 11. Jahrhundert die Stammburg der Württemberger. Der König nahm darauf keine Rücksicht und ließ die Burg seiner Vorfahren vollständig abtragen, um an dieser Stelle die Grabkapelle für seine Frau zu errichten. Über die Gestaltung sollte ein Wettbewerb entscheiden. Wilhelm favorisierte anfänglich einen Bau im neogotischen Stil und forderte Pläne von prominenten Architekten. Als der Hofbaumeister Giovanni Battista Salucci seinen klassizistischen Entwurf unaufgefordert einreichte, erhielt er spontan den Auftrag.
Das Mausoleum wurde von 1820 bis 1824 errichtet. Salucci schuf einen Rundbau aus heimischem Sandstein mit drei Säulenportiken und vorgestellten Freitreppen, der an das antike Pantheon in Rom oder die Villa Rotonda in Norditalien erinnert. Der überkuppelte Innenraum mit seinen Kolossalstatuen der vier Evangelisten zeugt von dem strengen klassizistischen Formengeschmack der Zeit. Die großen Gefühle des Königs spiegeln sich in der Inschrift über dem Haupteingang wider. Sie verspricht „Die Liebe höret nimmer auf“. Zeitgleich mit dem Bau des Mausoleums entstanden unterhalb der Grabkapelle zwei weitere Gebäude.
Das Priesterhaus war für einen Geistlichen bestimmt und im Psalmistenhaus nebenan wohnten zwei Sänger. Sie waren von König Wilhelm I. dazu verpflichtet, täglich in der Grabkapelle für die verstorbene Königin zu beten und zu singen.
Zeugnis der Liebe
Der württembergische König hatte das Bestattungsrecht in der Grabkapelle auf Katharina, sich selbst und ihre beiden gemeinsamen Töchter Marie und Sophie beschränkt. Die Grabkapelle sollte so bis in alle Ewigkeit das einzigartige Zeugnis der Liebe zwischen ihm und seiner Ehefrau sein. Neben der Königin fanden später auch der König selbst und die gemeinsame ältere Tochter Marie Friederike Charlotte von Württemberg hier ihre letzte Ruhestätte. Im Jahr 1907 benannte Wilhelms Enkel, König Wilhelm II., den Berg um und aus dem „Rotenberg“ wurde „Württemberg“.
Seither ist die Grabkapelle auch öffentlich zugänglich und aktuell von Anfang April bis Ende November für Besichtigungen geöffnet. Neben dem romantischen Bauwerk beeindrucken auch die Lage und der Ausblick über das Neckartal die Besucher und so zählt die Grabkapelle zu den beliebtesten Ausflugszielen der Stuttgarter. Inmitten von sonnigen Weinbergen gelegen eröffnet sich hier ein herrlicher Blick auf die Landeshauptstadt.
Stuttgart von seiner schönsten Seite
Ein Abstecher zur Grabkapelle lässt sich zu jeder Jahreszeit mit einer aussichtsreichen Wanderung verbinden. Quer durch die Steillagen in Ober- und Untertürkheim, Rotenberg und Uhlbach führt ein Weinwanderweg durch die Landschaft. Entlang der Reben zeigt sich Stuttgart von seiner schönsten Seite - und dank zahlreicher Weingüter und Besenwirtschaften kommt auch die Kulinarik nicht zu kurz. Brigitte Bonder