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Die Andreaskirche in Obertürkheim: Volle Kirchenbänke seit 25 Jahren

Vor einem Vierteljahrhundert hat Ralf Vogel, damals Gemeindepfarrer von Obertürkheim, zum ersten Nachtschicht-Gottesdienst eingeladen. Wir haben ihn nach dem Erfolgsrezept gefragt.

Die Andreaskirche in Obertürkheim: Volle Kirchenbänke seit 25 Jahren

Im März unterhielt sich Ralf Vogel mit Spitzenköchin Caroline Autenrieth. Foto: Martina Fürstenberger

Viele beeindruckende Menschen waren in den vergangenen 25 Jahren in der Andreaskirche zu Gast. Pfarrer Ralf Vogel erinnert sich gern an sie.

Können Sie das Konzept der Nachtschicht kurz erklären?

Die Nachtschicht ist eine Abendgottesdienstreihe, die sich jedes Jahr einem anderen Thema widmet. Zu diesem Thema gibt es dann im Laufe des Jahres mehrere Gottesdienste, meist am Sonntagabend und in der Obertürkheimer Andreaskirche, aber auch an anderen Orten. Statt einer Predigt gibt es ein Gespräch mit einem Gast, der aus seinem Leben erzählt und einen Bezug zum Thema hat. Wichtig ist auch die Musik, wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder exzellente Musiker und Musikerinnen zu Gast.

Was ist am Sonntagabend anders?

Die Menschen sind am Sonntagabend wesentlich entspannter als am Vormittag, wenn noch so viel zu erledigen ist: der Sonntagsbraten, das Mittagessen... Am Sonntagabend muss hoffentlich niemand mehr kochen! Deshalb haben wir mehr Zeit und können auch mal länger feiern. Außerdem gibt es nach dem Gottesdienst immer belegte Brötchen. Im Gemeindehaus kann man noch gemütlich zusammenstehen und sich unterhalten. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt: nicht alleine mit seinen Gedanken nach Hause gehen zu müssen, sondern sich mit anderen darüber austauschen zu können.

Wie kam es vor 25 Jahren zur Idee?

Ich wollte einen Gottesdienst schaffen, der biblische Texte spannend inszeniert und bei dem verschiedene Menschen zu Wort kommen. Es kann ja nicht sein, dass in der Kirche nur der Pfarrer spricht. Dadurch, dass wir immer mehrere Veranstaltungen zu einem Thema haben, ist das Ganze auch nachhaltiger. Man kann ein Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Da bleibt mehr hängen bei den Leuten. Trotzdem ist es immer noch ein Gottesdienst mit seinen festen und vertrauten Elementen.

Wie hat sich das Ganze entwickelt? Es gibt ja sogar ein eigenes Pfarramt.

Anfangs hatte ich mit meiner Frau zusammen die Pfarrstelle in Obertürkheim. Später wurde das anders organisiert und es wurde ein Pfarramt für Nachtschicht und Konfirmandenarbeit in Stuttgart geschaffen. Ich bin aber immer noch eng an die hiesige Gemeinde angebunden. Zusammen mit einem tollen Team mit rund 40 jungen und ebenso vielen älteren Menschen, das im Laufe der Jahre natürlich gewachsen ist, bereiten wir die Nachtschichten vor und organisieren alles drumherum - von der Werbung über die Gestaltung des Gottesdienstes selbst bis zum Schmieren der Brötchen. Da steckt ganz viel Arbeit dahinter. Wenn wir den Seitenraum der Kirche öffnen, haben immerhin 400 Menschen Platz. Bei besonderen Gästen, bei denen klar ist, dass der Platz nicht reicht, sind wir zum Beispiel in der Johanneskirche im Westen oder im Hospitalhof.

Unternehmen aus der Region

Wie gelingt es, so viele Promis zu bekommen?

Das ist tatsächlich nicht so einfach. Denn bei uns bekommt kein Gast eine Gage - obwohl manche sonst an einem Abend vierstellige Summen verdienen könnten. An Claus Kleber war ich vier Jahre dran, bis es gepasst hat. Bei Cem Özdemir haben wir drei Jahre gebraucht. Uns hilft natürlich, dass schon viele da waren und positiv davon berichten. Damit können wir gut werben.

Was waren denn die Highlights?

Wir hatten im Laufe der Jahre viele bekannte Gäste: Joachim Gauck war zum Beispiel kurz vor seiner Ernennung zum Bundespräsidenten bei uns, Eckart von Hirschhausen war da, Reinhold Messner, Vincent Klink, Walter Sittler, Wieland Backes, Sarah Wiener, Sven Plöger, Rita Süßmuth, Ingo Zamperoni, Margot Käßmann. Es müssen aber keinesfalls immer die Promis sein. Genauso beeindruckend sind die Geschichten von einfachen Menschen, zum Beispiel Schwester Margret von der Franziskusstube oder andere Engagierte. Bei einer der ersten Nachtschichten sprach eine Mutter von einem Kind mit Down-Syndrom - es ging viel um Liebe. Viele Menschen haben Spannendes zu erzählen.

Bei der Nachtschicht im März zum Thema„Heimatliche Küche“ haben die Musiker eigens ein „Küchenstück“ mit Töpfen und Schüsseln kreiert...

Das waren junge Musiker und Musikerinnen von der Musikhochschule Stuttgart, ich kenne den Professor. Ansprechende Musik gehört zum Konzept der Nachtschicht, ob mit der Musikschule Ostfildern, Beatboxer Robeat, Uli Gutscher, Tango Five oder Cassandra Steen. Die Musiker und Musikerinnen bekommen bei uns aber eine kleine Aufwandsentschädigung. Die hatten es in der Corona-Zeit schwer genug.

Auch im Altarraum waren viele junge Menschen zu sehen...

Ja, das Team ist mit das Schönste an der Nachtschicht. Es sind viele junge Leute dabei, ehemalige und aktuelle Konfirmanden. Sie bereiten den Gottesdienst mit vor und sprechen die Texte und Gebete. Manche haben vor 25 Jahren als Konfirmanden angefangen und sind immer noch dabei. Eine eigene Arbeitsgruppe kümmert sich um Logistik, Transport und Fundraising, andere um die Bewirtung danach. Ein Beraterteam überlegt sich die inhaltlichen Themen. Wir arbeiten außerdem mit Werbeagenturen, vielen lokalen Unternehmen und Freelancern zusammen, die uns zum Beispiel Werbematerialien erstellen, die Brötchen oder die Getränke spenden. Ohne wäre das alles gar nicht möglich.

Das Jubiläumsjahr steht unter dem Thema „Heimat“. Wie kam es dazu?

Es ist eigentlich verwunderlich, dass wir das Thema nicht schon viel früher hatten. Denn es geht ja darum, dass jeder Besucher, jeder Besucherin bei uns Heimat finden soll - der regelmäßige Kirchgänger genauso wie Menschen, die sonst keinen Gottesdienst besuchen. Aktuell wird der Begriff der Heimat oft missbraucht, Nationalismus macht sich breit. Wir dürfen den Heimatbegriff aber nicht den Rechten überlassen. Bei der ersten Nachtschicht dieses Jahr war Andreas Felchle vom Schwäbischen Heimatbund zu Gast mit einem sehr modernen Heimatbegriff: nämlich mit dem Ziel, die Natur und die Demokratie zu bewahren. Das Gespräch führte Martina Fürstenberger.


PROGRAMM IM JUBILÄUMSJAHR

Themenreihe Heimat„Heimat“ ist das Thema im Jubiläumsjahr der Nachtschicht-Gottesdienstreihe. Den Auftakt machten im Februar der schwäbische Liedermacher Ernst Mantel und Andreas Felchle vom Schwäbischen Heimatbund. In der „,Nachtschicht - Extra“ war die Pfarrerin Friederike Weltzien zu Gast, die neun Jahre im Libanon tätig war und dort erlebt hat, wie die Heimat von Menschen zerstört wird.

Im März sprach Ralf Vogel mit Spitzenköchin Caroline Autenrieth über die Bedeutung von Kochen und Essen im Bezug auf Heimatgefühle. Im April ging es um die Frage, wie eine Kirchengemeinde zu einem Ort werden kann, der wie Heimat ist. Die Gäste bei „Fremde Heimat Kirche“ waren Stefanie Schardien („Wort zum Sonntag“) und Prof. Peter Dabrock.

Video Die Nachtschichten sind im Anschluss dann in einem Mitschnitt auf der Seite www.nachtschicht-online.de zu sehen.

Nachtschicht-Festival
Sonntag, 18. Mai, in der Andreaskirche Obertürkheim

17 Uhr: Revue„25 Jahre wach“, u.a. mit Liedermacherin Uta Köbernick, Kabarettist Stefan Waghubinger, Patrick Bopp mit„rahmenlos & frei“, Chor und Band der Vesperkirche. Die Moderation übernimmt Georg Bruder (SWR aktuell).
19.30 Uhr: Nachtschicht zum Thema „,Heimat“, u.a. mit Soziologe Prof. Hartmut Rosa

Konzert„Harmonized Home“
Samstag, 28. Juni, in der Andreaskirche Obertürkheim

19 Uhr: Zu Gast sind der Jazz-Pop-Chor Tübingen und der Senior Jazzchor. Mit ihrem Programm laden die Sänger und Sängerinnen dazu ein, ihre musikalische Heimat zu erleben.                  fb


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