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Café „Wahnsinn“- Untertürkheimer Gastro-Geschichte

Traditionslokal an der Großglocknerstraße: Über vier Jahrzehnte Tresenkultur, Stammgäste, historische Einrichtung mit lebendiger Musikszene und einzigartiger Atmosphäre im Stuttgarter Stadtbezirk

Café „Wahnsinn“- Untertürkheimer Gastro-Geschichte

Das Café Wahnsinn an der Großglocknerstraße: Untertürkheims Wohnzimmer für die Abende unter der Woche.

Egal wie man es nennt - wahlweise Kneipe, Café, Lokal, Gaststätte - so etwas wie das Café Wahnsinn in Untertürkheim ist eine Rarität in Stuttgart. Seit 1985 betreibt Martin „Martl“ Stoll diesen tief im Stadtbezirk verwurzelten „Wahnsinn“, anfangs mit Freunden, seit 1991 alleine. Er selbst wird bald 76, die Samstage, Sonntage und Feiertage gehören ihm selbst und seiner Familie, den Enkeln, in Ferienzeiten auch die Montage. Sonst steht er jeden Abend hinterm Tresen, bringt seinen Stammgästen und allen anderen ihre Lieblingsgetränke, egal ob Biere, Weine oder Alkoholfreies, Flammkuchen, Baguette und Pizza gibt es auch. Aufschreiben muss er sich die Bestellungen mit seinen mehr als vier Jahrzehnten Gastro-Erfahrung nicht, das geht ohne Stift und Notizblock. Und Geschichten aus dem und über das Café Wahnsinn gibt es jede Menge.

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Zum Beispiel der Name. Ursprünglich hieß das Lokal einmal„Kornstadel“. Mindestens ein Relikt aus dieser Zeit gibt es tatsächlich noch, wenn auch nicht sichtbar. Hinter einem der großen Spiegel an der Wand, die den Raum größer erscheinen lassen, als er ist, verbirgt sich ein Gemälde aus der „Kornstadel“-Zeit, eine Heuwagen-Idylle passend zum einstigen Namen, wie Stoll verrät. „Vielleicht häng' ich den Spiegel ja irgendwann mal wieder ab.“ 

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Zum „Wahnsinn” kam es dann relativ schnell, nachdem die Freundesgruppe das Lokal übernommen hatte. In den späten 1980er und 1990er Jahren war „Wahnsinn“ ein inflationär verwendetes Modewort, sowohl in der Jugend- als auch in der Umgangssprache. In den Kneipengesprächen wurde es in jedem zweiten Satz verwendet, was Martin Stoll damals irgendwann fast in den Wahnsinn trieb. „Wenn jetzt noch einmal einer ›Wahnsinn‹ sagt, schreib ich's draußen auf die Scheibe“, habe er an einem dieser Abende in der proppenvollen Kneipe gesagt. Wenig später stand wirklich „Wahnsinn“ draußen. Den Stammgästen gefiel es, der Brauerei, mit der es damals noch einen Vertrag gab, auch, so wurde aus dem „Kornstadel“ das „Café Wahnsinn“, 1987 oder 1988 war das.

Martin „Martl“ Stoll steht seit mehr als vier Jahrzehnten hinterm Tresen im Café Wahnsinn. Fotos: Jürgen Brand
Martin „Martl“ Stoll steht seit mehr als vier Jahrzehnten hinterm Tresen im Café Wahnsinn. Fotos: Jürgen Brand

Das Haus an der Großglocknerstraße, in dem das Café Wahnsinn im Erdgeschoss unter der Woche abends Gäste anlockt und in dem Martin Stoll mit seiner Frau auch oben wohnt, wurde im Jahr 1901 gebaut. Bis etwa 1965 war hier ein Kolonialwarengeschäft, betrieben von einer Familie aus dem Elsass. Das Schild des Geschäfts habe er noch im Keller liegen, sagt Stoll. Gerade dieser Gewölbekeller ist auch Teil seiner eigenen Geschichte. 

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Martin Stoll ist echter Untertürkheimer. Aufgewachsen ist der in der Wallmersiedlung, die einst nicht gerade den besten Ruf hatte, inzwischen aber unter Denkmalschutz steht. Er hat in Untertürkheim eine Malerlehre gemacht, dann noch eine Gipserlehre, das Handwerk war über viele Jahre eines seiner Standbeine. Gekickt hat er auch, sogar bis er um die 50 war, bei der SG 07 Untertürkheim. Der Vereinswimpel hängt hinterm Tresen. Und dann gehört noch die Musik zu Martin Stolls Leben. Stehbass, also Kontrabass, und E-Bass, das war sein Ding. Ein bisschen Mundharmonika auch. Rhythm and Blues hat er in seinen Bands gespielt, eigentlich in allen früheren und zum Teil noch heutigen einschlägigen Konzertlocations der Stadt, im Ketterer, der Jazz Hall oder im Laboratorium im Stuttgarter Osten. Proberaum war eben der Gewölbekeller unter dem Café Wahnsinn in Untertürkheim.

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Auch der massivhölzerne geschwungene Bartresen ist ein Stück Untertürkheimer Geschichte für sich. In der Widdersteinstraße, damals, als sie noch keine Fußgängerzone war, gab es einst, ab etwa 1969, einen St. Urbans Pub, also einen Irish Pub. Dort gab es eine Bierbar, in der Martin Stoll Mitte der 1970er Jahre eine Zeit lang hinterm Tresen stand und Bier zapfte. Als das St. Urbans irgendwann schloss, wurde der eigens dafür gefertigte Bartresen abgebaut und landete in einer Scheune in Welzheim. „Dort hat sie jahrelang rumgelegen“, erzählt Stoll. Immer wieder habe er seinen Bekannten gefragt, wann er sie denn endlich mal wieder aufbaue. Der gab seine Wiederaufbau-Pläne aber irgendwann auf - und so kam das Café Wahnsinn zu dem geschichtsträchtigen Bartresen mit Spuren von mehr als einem halben Jahrhundert Untertürkheimer Gastronomiegeschichte im Holz. Stoll: „Der lebt hier jetzt weiter.“

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Die Zeiten, als die Gäste zweireihig an der Bar standen, sind im „Wahnsinn“ längst vorbei, wilde Partys werden hier auch nicht mehr gefeiert. Dafür kommen jetzt die Enkel derer, die das noch erlebt haben. Hinten, wo die Bässe an der Wand hängen, spielen auch 20-Jährige Karten, während vorne ein 90. Geburtstag gefeiert wird. 

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„Das Publikum ist kunterbunt, von Studenten über Handwerker bis hin zu Geschäftsleuten. Ob Jung, ob Alt, hier fühlt sich jeder wohl“, steht auf der Webseite des Café Wahnsinn, wo ein Schaukelpferd an der Decke hängt, eine Violine ohne Saiten eine Wand schmückt, die Gäste es sich auf roten Sesseln bequem machen können und an der Wand Gäste verewigt sind. „Ich hab hier klasse Leute, keinen Stress“, sagt Martin Stoll, den viele mit Martl ansprechen.„Wenn's richtig voll ist, bin ich manchmal etwas überfordert“, lacht er. Und freut sich, wenn mal ein alter Musikerkollege vorbeikommt und sie ein bisschen jammen. Ans Aufhören denkt Stoll nicht. „Ich mach das als Hobby“, sagt er lachend. Bleibt ihm und Untertürkheim nur zu wünschen, dass er sein Hobby noch lange pflegen kann.

Von Jürgen Brand


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