
Christine Keinath und Dr. Peter Dietl haben eigentlich keine Zeit. Sie sind ihrer URBA Architektenpartnerschaft an der Oberstdorfer Straße in Untertürkheim richtig gut beschäftigt, analysieren, planen, schützen vor allem auch Denkmäler. „Wir sind gar kein klassisches Architekturbüro“, sagen die beiden. Ein Blick auf ihren Eintrag bei der Architektenkammer Baden-Württemberg erklärt das: „Fachbüro für Planungen im historischen und städtebaulichen Kontext. Städtebaulicher Denkmalschutz“, ist zu lesen. Sie „betreute zahlreiche Sanierungsgebiete, zum Teil auch im Rahmen des Programms "Die Soziale Stadt“, er„ist promovierter Bauhistoriker und war wiederholt als Architekt mit hochwertiger denkmalgeschützter Bausubstanz befasst“.
„Unsere Leidenschaft sind alte Häuser“, sagt Christine Keinath. „Wir sehen uns ein bisschen als Denkmal-Erklärer.“ Das fängt schon direkt in ihrem eigenen Gebäude in Untertürkheim an. In den Geschäftsräumen im Erdgeschoss war ganz früher die Bäckerei ihres Großvaters. In den 1970er Jahren gründete ihr Vater sein Architekturbüro in dem Haus, 2003 übernahmen die Tochter und Peter Dietl das Büro und beschäftigen sich heute auch im einstigen Bäckerei-Verkaufsraum mit Stadtplanung und historischem Bauen.
Beide haben in Stuttgart Architektur mit unterschiedlichen Schwerpunkten studiert, viele ihrer Projekte haben mit der Nachbarstadt Esslingen zu tun, sie sind aber auch im Schönbuch oder auf der Alb aktiv und kreativ. In Esslingen haben sie beispielsweise schon Sanierungsgebiete betreut, Peter Dietl ist eng mit der dortigen Denkmalpflege vernetzt, seit vielen Jahren organisieren die beiden den Tag des offenen Denkmals für die Stadt Esslingen.
Dann erzählt, wie im vergangenen Jahr, Christine Keinath auch einmal persönlich bei einer Führung über das „nuwe huss“, das Alte Rathaus, oder Peter Dietl über den Bebenhäuser Pfleghof. Und sie organisieren natürlich die vielen anderen Führungen, Ausstellungen, Vorträge und offenen Denkmäler an diesem Tag mit. Da haben sie bei der Denkmalvielfalt dort jede Menge zu tun.
Altstädte haben es den beiden angetan und ihre Expertise ist gefragt. Aktuell kümmern sie sich beispielsweise noch um das Sanierungsgebiet „Erweiterter Altstadtkern“ in Waldenbuch oder um die städtebauliche Entwicklung von Grabenstetten auf der Alb im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (ELR). Die kleine Gemeinde ist nicht nur Teil des Biosphärengebiets Schwäbische Alb und des UNESCO-Geoparks Schwäbische Alb, sondern liegt auch am sogenannten Heidengraben, der einst eine der größten keltischen Siedlungen und Handelsplätze in Mitteleuropa war. Die Gemeinde ist auch Mitbetreiber des Heidengrabenzentrums.
In Untertürkheim selbst sind URBA Architekten eher mit kleineren Privatprojekten befasst, vor allem mit Umbauten am liebsten in älteren Gebäuden, die es ja auch in Untertürkheim noch gibt. „Ich habe den Eindruck, bei uns gibt es gerade zwei Kategorien von Gebäude: entweder Denkmal oder kann weg“, sagt Christine Keinath. Dabei gebe es dazwischen doch auch noch ganz viele, durchaus erhaltenswerte Gebäude.
Deswegen versuchen sie, Denkmalpflege verständlich zu erklären und gemeinsam mit den Bauherren Lösungen zu finden, die sowohl den Wünschen der Eigentümer als auch den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht werden. Dafür seien zum Beispiel sehr frühzeitige Gespräche mit den jeweils zuständigen Ämtern wichtig, um unrealistische Planungen von vornherein zu vermeiden. Die Entwicklung in Untertürkheim in diesem Bereich beobachten sie mit Sorge. Hier würden alte Denkmale immer wieder an Investoren verkauft, denen es vor allem um eine kurzfristige Gewinnmaximierung gehe, ohne Rücksicht auf die Bausubstanz oder das Ortsbild. Sie bedauern sehr, dass in und für Untertürkheim kein Sanierungsgebiet festgelegt und auch keines in Sicht sei. Das wird ihrer Meinung nach im Stadtbezirk dringend benötigt.
Der öffentliche Raum ist den beiden Untertürkheimer Architekten sehr wichtig. Ihrer Meinung nach dürfen Gebäude nicht als isolierte Objekte betrachtet werden, sondern immer im Zusammenhang mit ihrem Umfeld und dem öffentlichen Raum. Für ihren Stadtbezirk wünschen sich die beiden vor allem eine Aufwertung eben dieses öffentlichen Raums, gerade auch des Leonhard-Schmidt-Platzes, damit dieser noch mehr belebt und zum Treffpunkt und Identifikationspunkt für die Menschen hier wird. Ansprechende Gestaltung, Außengastronomie, Beseitigung störender Elemente - das alles wären für sie Ansatzpunkte dort „damit der Platz Qualität erhält“.
Und: Eine denkmalgerechte Sanierung und Nutzung des Bahnhofsgebäudes ist ihrer Meinung nach ebenfalls eine wichtige und dringende Aufgabe.