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Fachgeschäfte

Handwerk leidet unter Nachschubmangel

Die weltweiten Lieferengpässe an Material schlagen sich auch bei den örtlichen Betrieben nieder.

Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

28.11.2021

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen schlagen sich auch ganz konkret beim örtlichen Handwerk nieder. Unter Lieferengpässen und Preissteigerungen leiden auch die Betriebe in Untertürkheim.

Derzeit müssten noch keine Aufträge abgelehnt werden, sagt Peter Ellinger von der Flaschnerei Ellinger. Aber der Materialmangel sei in seinem Gewerk deutlich spürbar. Vor allem Aluminium sei nur sehr schwer zu bekommen. Und dann zu horrenden Kosten. „Die Preissteigerung liegt im Schnitt zwischen 30 und 40 Prozent“, sagt Ellinger. Treibende Kraft ist vor allem das Kupfer, da es auch für Elektronikchips benötigt wird. Allerdings sei es noch nicht so schlimm wie bei befreundeten Dachdeckerfirmen aus dem Remstal, die trotz voller Auftragsbücher im Herbst Kurzarbeit ausgeben mussten, weil kein Holz mehr zu bekommen war.

Das hat sich inzwischen entspannt, „das ist aber leider auch der einzige Bereich“, ergänzt Geschäftsführer Thomas Richter von der Jörger GmbH Bauunternehmung. Für Kunststoff- oder Betonfertigteile, wie Straßenschächte müsse das im städtischen Schienen- und Straßenbau tätige Unternehmen mit sechs bis zwölf Wochen Wartezeit rechnen. Sogar noch viel schwieriger zu bekommen sei die sogenannte Bauchemie. Dabei handelt es sich um Verguss- oder Verklebestoffe für die großen Bauteile. „Im Grunde ist der Markt absolut leer gefegt. Wir leben derzeit ausschließlich von den eigenen Vorräten“, sagt Richter. Und „wenn dann ein Eimer Bauchemie bei 300 oder 400 Euro liegt, tut das richtig weh“, betont Richter. Somit könne man nicht mehr seriös kalkulieren, wenn man zum Beispiel auf eine Ausschreibung jetzt reagieren müsse, die Baustelle aber erst im kommenden März beginnt. „Ich weiß schließlich nicht, was das Material dann kostet“, erklärt Richter. Ganz zu Schweigen von verbindlichen Zusagen der Lieferanten. Natursteine für Pflaster- oder Randsteine aus China müssten jetzt bestellt werden, ohne aber sicher zu sein, dass diese denn auch im Jahr 2022 geliefert würden. Für Richter ist das Problem auch eine bewusste, künstlich geförderte Verknappung, um einen höheren Preis erzielen zu können: „Irgendjemand bereichert sich mit dem Argument Corona. Und wir Handwerker sind der letzte Baustein in der Kette, müssen das Material abnehmen, haben keine andere Wahl.“

Ins gleiche Horn stößt auch Markus Götz von der Firma Gipser Götz. Die Preissteigerungen von sieben bis zehn Prozent im Quartal müsse man an die Kunden weitergeben, was bei kleineren Projekten gut gelingt. Allerdings sei der Aufwand wegen der ständigen Lieferverschiebungen enorm gestiegen. „Logistisch ist ständig ein Umplanen notwendig“, sagt Götz. Das sei ebenso leistbar wie auch eventuelle Preissteigerungen bei Festverträgen unternehmerisch abzufedern, aber nicht nachvollziehbar. Denn neben den Lieferengpässen mache dem Handwerk vor allem auch die politisch gewollten, enormen Steigerungen der Energiepreise zu schaffen. „Nirgends in Europa ist der Strom so teuer wie bei uns.“


"Wir Handwerker sind der letzte Baustein in der Lieferkette, müssen das Material abnehmen."

Thomas Richter, Jörger GmbH Bauunternehmung


Grundsätzlich treiben die Lieferengpässe manchmal auch seltsame Stilblüten. So habe es bislang noch keine Probleme beim Nachschub von Farbe gegeben. Dennoch wurde diese kurzfristig knapp. Der Grund war nicht die Herstellung selbst, sondern es fehlte einfach an den notwendigen Plastikeimern.


"Farbe gab es immer zu kaufen, kurzfristig fehlte es aber an den dafür notwendigen Plastikeimern."

Markus Götz, Gipser Götz


Noch härter trifft es dabei die Kfz-Industrie. „Wir konnten schlicht 30 Prozent weniger Fahrzeuge ausliefern und zulassen als geplant“, erklärt Markus Krautter vom gleichnamigen Untertürkheimer Autohaus. Hinzu kommt nun im November eine Preissteigerung. Zwar habe man in der Regel geduldige Kundschaft, aber am Ende des Tages sei zusammen mit den langen Lieferzeiten sicher das eine oder andere Geschäft nicht mehr realisierbar. Was für den Neuwagenhandel gelte, schlage sich zunehmend auch bei den Ersatzteilen nieder. Vor allem technische Komponenten seien kaum noch lieferbar. Und auch hier sei von einer Preissteigerung – wie üblich zum Jahreswechsel – zu rechnen. Noch viel extremer sieht es für das Mobilitätszentrum im Bereich der E-Bikes aus. Hier haben sich die Lieferengpässe aufgrund der enormen Nachfrage bereits 2020 eingestellt. „Es ist derzeit extrem, kaum noch etwas zu bekommen.“ Alle Probleme schlügen sich vor allem in Mehrarbeit nieder, um immer wieder neue Termine zu erstellen. Daher hofft Krautter auf eine Besserung im kommenden Jahr, „aber wie vor der Corona-Pandemie wird es sicher nicht mehr werden.“ Alexander Müller