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Gesundheit

Gleichberechtigung. Inzwischen studieren mehr Frauen als Männer Medizin. Trotzdem landen wenige von ihnen später auf Spitzenpositionen. Der Alltag in Kliniken ist oft noch von Rollenstereotypen geprägt. Was bedeutet das für die Karrierewege von Ärztinnen? Halbgöttin in Weiß

Wer heutzutage einen Blick in die Hörsäle medizinischer Fakultäten wirft, wird tendenziell mehr Frauen sehen als Männer. Etwa zwei Drittel der Studierenden sind weiblich, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Doch in den Chefetagen der Krankenhäuser oder an den Lehrstühlen der Universitäten sieht es anders aus. Ganz nach oben zu kommen, scheint für Frauen in der Medizin noch immer eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Ein Problem ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Ganz nach oben zu kommen, scheint für Frauen in der Medizin noch immer eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Ein Problem ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Foto: Adobe Stock/Anna Om

Nach dem Studium folgen in der Regel fünf oder sechs Jahre Weiterbildung zur Fachärztin. Die Zeit verlängere sich prozentual, wenn man in Teilzeit arbeitet, sagt Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). „Damit ist der Karriereknick bei Frauen mit Kindern schon vorprogrammiert.“ Trotz Familie einen Fuß in der Tür zu behalten und nicht etwa bei Fortbildungen immer hintenanzustehen, ist oft eine Herausforderung.

Die Geburt von Kindern sei häufig ein markanter Einschnitt, bestätigt Christine Kurmeyer, zentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Charité in Berlin. „Es kommen viele Frauen mit Anfragen, die mit einer Schwangerschaft zu tun haben.“ Häufig gehe es um das Problem, dass befristete Verträge in der Forschung während des Mutterschutzes oder in der Elternzeit auslaufen. „Das ist eine drastische Benachteiligung von Frauen.“ Inzwischen sei deshalb an der Charité vereinbart worden, dass diese Zeiten nachgeholt werden können.

Kurmeyer rät Frauen in solchen Fällen, möglichst schriftlich einen übersichtlichen Zeitplan zu erstellen. Außerdem sei es wichtig, sich über Ausfallregelungen zu informieren und klar und deutlich zu formulieren, dass ein Verbleib in den Kommunikationsnetzwerken erwünscht ist. Man könne – je nachdem, wie das organisatorisch machbar ist – auch während der Elternzeit am Arbeitsplatz vorbeikommen. Wichtig sei, Kontakte zu pflegen und zu signalisieren, dass mit der Geburt des Kindes der Wunsch, Fachärztin zu werden, nicht verflogen ist.

Eine Karriere in der Universitätsmedizin, die neben Lehre und Forschung auch die Krankenversorgung umfasst, sei mit einem besonders großen Zeitaufwand verbunden. „Da wird sehr viel mehr verlangt als in anderen Kliniken“, sagt Kurmeyer. Zwar seien zwei Drittel aller Studierenden in der Medizin weiblich, aber nur 13 Prozent der Lehrstühle an Universitäten von Frauen besetzt, kritisiert Groß. Die DÄB-Präsidentin fordert paritätisch besetzte Berufungskommissionen. „Wenn wir das schaffen, wären wir einen riesigen Schritt weiter.“ Auch zwischen den Fachbereichen gebe es große Unterschiede, so Kurmeyer. „Was Rollenbilder angeht, haben Chirurgen eine andere Kultur als die Internisten. Das wirkt sich auf den Frauenteil in den unterschiedlichen Disziplinen aus.“ Während niedergelassene Ärztinnen in der Regel selbstbestimmt und gleichberechtigt arbeiten, sei der Alltag in Kliniken noch von Rollenstereotypen geprägt.

Bis vor 100 Jahren durften Frauen nicht als Ärztinnen, sondern nur in der Pflege arbeiten. „Es bleibt auch heute noch ein Rest der Vorstellung vom männlichen Halbgott in Weiß und der Krankenschwester als Dienerin für Gotteslohn“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Da reicht es als Frau oft nicht aus, gute Arbeit zu leisten. Dabei sind die Benachteiligungen nicht automatisch Schikane. Weil der Arztberuf so lange männlich dominiert war, sind viele Probleme strukturell angelegt. So lässt sich etwa Halbtagsarbeit oft nicht mit den Dienstplänen an den Krankenhäusern vereinbaren.

AUF DIE SUCHE NACH GLEICHGESINNTEN BEGEBEN

Auf 40 Stunden beschränkte Vollzeitstellen wären schon ein Fortschritt, sagt Groß. Sie fordert eine Humanisierung der Arbeitswelt in der Medizin – für Männer wie für Frauen. Es gebe inzwischen auch viele junge Männer, für die auch aus zeitlichen Gründen keine Chefarztposition infrage komme. „Ich glaube, das ist nicht nur ein Problem von Frauen. Aber Frauen sagen eher: Das tue ich mir nicht an“, so die Verbandspräsidentin. Sie fordert auch einen Ausbau der Kinderbetreuungsstätten an Kliniken – auch solcher, die 24 Stunden geöffnet sind. „Denn welche Möglichkeiten hat man sonst, wenn das häusliche Kinderbetreuungssystem zusammenbricht und man Nachtdienst hat?“

Um Gleichberechtigung zu erreichen, müssten Männer ermutigt werden, Elternzeit zu nehmen – und andererseits Frauen bestärkt werden, Führungspositionen zu besetzen, sagt Kurmeyer. Informelle Netzwerke spielten für die Karriere immer noch eine wichtige Rolle. „Aus diesen Kreisen sind Frauen oft ausgeschlossen, weil sie nicht ein Wochenende lang mit dem Chef segeln gehen können.“ Vernetzung sei deshalb wichtig – mit Männern wie mit Frauen. Vielerorts existieren deshalb Mentorinnen-Programme, die junge Frauen unterstützen. So auch an der Charité. Engagierte Nachwuchswissenschaftlerinnen werden ein Jahr lang etwa durch ein Seminarprogramm gezielt gefördert und dabei von Mentoren begleitet.

„Der Effekt solcher Programme besteht vielfach auch darin, zu erkennen, dass es anderen Frauen in der Medizin ganz genauso geht“, sagt Christine Kurmeyer. Sie rät: „Begeben Sie sich aktiv auf die Suche nach Gleichgesinnten!“ Es sei für alle wichtig, sich auszutauschen – von der Studentin bis zur Professorin. „Als Einzelkämpferin funktioniert das nicht.“ Inga Dreyer, dpa
    

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