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Start in die Berufsausbildung Gestern Azubi, heute Chef

01. Oktober 2019 - 08:00 Uhr

Der Schreiner Julian Grimm und die Glaserin Lena Strobel haben – unabhängig voneinander – den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Fotos: hf
Der Schreiner Julian Grimm und die Glaserin Lena Strobel haben – unabhängig voneinander – den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Fotos: hf

Manchmal will man als junger Mensch Dinge anders machen als der Chef. Daraus kann sich dann der Wunsch entwickeln, sein eigener Herr zu werden. Doch aller Anfang ist schwer, das gilt besonders für die ersten Schritte in die Selbstständigkeit. Lena Strobel (27) und Julian Grimm (27) erzählen von ihrem Weg zum eigenen Betrieb.

Lena Strobels Leidenschaft für die Glaserei wurde schon im Kindesalter geweckt, denn das Büro des väterlichen Betriebs war im Privathaus untergebracht. „Da wächst man ins Gewerbe von klein auf rein“, so die Ludwigsburgerin. Dennoch war der Weg ins Handwerk nicht vorgezeichnet. Vater Jörg Strobel wollte, dass die Tochter Abitur macht. Er befürchtete, dass Lena als einziges Mädchen unter lauter männlichen Auszubildenden nicht bestehen könne. „Aber das war nichts für mich. Daher ließ ich mich zuerst zur Physiotherapeutin ausbilden“, erzählt die 27-Jährige.

Vier Jahre arbeitete sie in diesem Beruf. Auch in dieser Branche hätte sie sich selbstständig machen können. „Aber ich wollte mich nicht an die Vorgaben halten, die von den Krankenkassen kommen, sondern selber entscheiden, was ich umsetze und wie ich mich organisiere.“ Und so entwickelte sich nach und nach die Erkenntnis, dass sie gemeinsam mit ihrer Schwester Laura den väterlichen Betrieb übernimmt. Nach der Ausbildung zur Glaserin, die sie 2018 nach eineinhalb Jahren als Jahrgangsbeste beim Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks, PLW („Profis leisten was“) genannt, abschloss, kümmert sich Lena Strobel um Werkstatt und Kunden, während Schwester Laura für die betriebswirtschaftliche Seite zuständig ist. „Jede hat ihre eigenen Aufgabenfelder, und wir ergänzen uns prima.“

An ihrem Beruf schätzt Lena Strobel besonders die Arbeit mit den verschiedenen Werkstoffen wie Glas, Aluminium und Holz, und dass es nie eintönig wird. „Das Schönste ist, am Schluss das eingebaute Fenster im Haus zu sehen – wie es den Charakter eines Gebäudes verändern kann“, schwärmt die Glaserin.
     

DIE MOTIVATION IST BEIM EIGENEN BETRIEB GRÖSSER

Nicht nur der Vater ist glücklich, das Geschäft in die Hände der vierten Generation übergeben zu können, auch Lena Strobel findet, dass der Schritt der richtige war: „Man ist sein eigener Herr, man ist für sich selbst verantwortlich. Dadurch hat man eine ganz andere Motivation, zur Arbeit zu gehen.“ Zwar nehme der Betrieb einen wesentlichen Platz in ihrem Leben ein, selbst Wochenendarbeit sei nicht selten: „Das gehört aber dazu, um ein guter Chef zu sein. Nur so verdient man sich den Respekt der Mitarbeiter.“

Was kann die junge Frau, die seit Februar die Meisterschule besucht, insbesondere Existenzgründerinnen raten? „Im Handwerk muss man Interesse und Kraft mitbringen und darf nicht zimperlich sein, was Lärm und Dreck betrifft – aber auch den Umgang mit den männlichen Kollegen.“

Für Schreinermeister Julian Grimm aus Fellbach war es dagegen schon seit dem Kindesalter logisch, dass er beruflich auf eigenen Beinen stehen will. „Meine eigenen Ideen zu realisieren, ist natürlich viel einfacher, wenn man selbstständig ist“, erzählt der 27-Jährige. Es gehe ihm vor allem um Selbstverwirklichung und das Gefühl, etwas geschaffen zu haben.

Dass nach einem Praktikum die Wahl auf den Beruf des Schreiners fiel, begründet Julian Grimm mit „der Liebe zum Holz“. Die Arbeit mit diesem lebendigen Material sei pure Emotion, schwärmt er. Damit könne er etwas Individuelles schaffen, das für die Zukunft Bestand habe.

Da Julian Grimm nicht aus einer Handwerkerfamilie stammt, war der Schritt zum eigenen Betrieb nicht ganz einfach. „Ich wollte erst einen bestehenden Betrieb übernehmen“, erzählt der Fellbacher, „doch dieser Plan hat sich zerschlagen.“ Zu groß und auch finanziell zu teuer wäre die Firma gewesen. Über ein Online-Portal hat er dann die erste Werkstatt gefunden, in der er vor vier Jahren sein Ein-Mann-Unternehmen startete. Auch die Handwerkskammer gab für seinen Plan grünes Licht. Mittlerweile sind das Auftragsvolumen, der Mitarbeiterstamm und der Maschinenpark so angewachsen, dass die Schreinerei Anfang des Jahres in eine größere Produktionshalle umziehen musste.

Die größte Hürde sei aber gewesen, erinnert sich der Möbelmacher, während der Klausurenphase des Meistertitels schon den Betrieb aufzubauen. „Du musst schauen, dass das mit dem Titel klappt und dass du den Betrieb möglichst in der Zeit starten kannst, sobald du den Meister hast“, erklärt er. Daran habe er zwar etwas zu knabbern gehabt, weil viel auf ihn zukam, aber durch die Unterstützung der gesamten Familie hat es dann doch reibungslos funktioniert.

DIE WORK-LIFE-BALANCE NEU FINDEN

Lernen musste er außerdem, den Spagat zwischen Betrieb, Freundin und Familie zu schaffen. „Da man oft bis spät in den Abend und auch am Wochenende arbeitet, sollte man wissen, wann Schluss ist“, betont er. „Man braucht Pausen, um den Akku wieder aufzuladen.“

Zukünftigen Gründern gibt der Fellbacher mit auf den Weg: „Beratungskurse bei der Handwerkskammer sind eine prima Vorbereitung. Man muss aber auch die Unterstützung der Familie und die finanziellen Voraussetzungen mitbringen. Zudem sollte man zu 100 Prozent mit Herz und Verstand bei der Sache sein. Sonst rate ich von diesem Schritt ab.“ Corinna Wießler


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