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Finanzen

Flexibilität beim Finanzierungsmix gefragt

Liquidität. Ein Unterschied zu der Zeit der Finanzmarktkrise ist ein erfreulicher: Gegenüber früheren Jahren haben die Firmen in Deutschland eine bessere Eigenmittelausstattung.

               
Foto: industrieblick – stock.adobe.com

8.12.2020

Trotz Pandemie lassen sich derzeit keine größeren Verschiebungen in einem typischen Finanzierungsmix von mittelständischen Unternehmen erkennen. Anpassungen im Detail gibt es aber sehr wohl.  

Eine Fremdfinanzierung setzt sich häufig aus einem Finanzierungsmix zusammen, beispielsweise Betriebsmittellinien, Factoring, feste oder variable Finanzierungen mit Zinssicherungen, mit und ohne öffentliche Fördermittelbausteine für Capex-Investitionen. „Je nach Größe des Unternehmens beziehungsweise der Investition werden auch Schuldscheine oder syndizierte Kredite genutzt“, sagt Thomas Keller, Leiter Unternehmensbank Region Südwest bei der Deutschen Bank. Neben den klassischen Bankdarlehen und Betriebsmittellinien spielen nach seiner Beobachtung – je nach Art des Unternehmens und des Investitionsbedarfs – Finanzierungsformen wie syndizierte Kredite, Schuldscheine, Leasing, Factoring oder Eigenmittelfinanzierung heute eine größere Rolle. Die Corona-Pandemie hat zwar das Finanzierungsverhalten der mittelständischen Unternehmen verändert, bei den Finanzierungsformen gibt es aber keine maßgeblichen Verschiebungen.

Als Klassiker, der unverändert wichtig sei, bezeichnet die Commerzbank die Exportfinanzierung. Außerdem beobachte man, dass neue, der digitalen Welt angepasste Finanzierungsmöglichkeiten an Bedeutung gewinnen, sagt Siegfried Stangohr, Leiter der Mittelstandsbank Commerzbank Niederlassung Stuttgart, und nennt den „Pay-per-Use-Kredit“, der einen „atmenden“ Investitionskredit darstellt, der sich in seiner Rückführung an der Maschinennutzung orientiert. Mit diesem digitalen Kreditangebot, das insbesondere für den Maschinenbau geeignet ist, sieht sich die Commerzbank als erstes und bislang einziges Institut,das diese Services anbietet. „Bei der Umsetzung von digitalen Ideen wird eine höhere Flexibilität in der Zusammenstellung des Finanzierungsmix immer wichtiger“, so Stangohr. Hier denke man für den mittelständischen Kunden stärker in Lösungen als in Produkten, etwa wenn es um den flexiblen Abruf der Mittel oder Möglichkeiten zum vorzeitigen Exit gehe – Stichwort „fail fast“.

Volksbank Stuttgart eG

LIQUIDITÄT UND FLEXIBILITÄT IM VORDERGRUND

So hat die Krise dazu geführt, dass bei der Finanzierung Liquidität und Flexibilität im Vordergrund stehen. „Beim Umlaufvermögen erleben wir eine Renaissance sogenannter Borrowing-Base-Finanzierungen, bei denen sich die Höhe der Kreditlinie an der Höhe von Forderungen und Warenlagern orientiert“, sagt Stangohr. Als weiterhin ungebrochen beschreiben Banker Leasing- und Factoring-Finanzierungen, die vor allem von Herstellern angeboten werden. „Factoring gehört mittlerweile zum normalen Instrument im Baukasten der Working-Capital-Finanzierungen“, sagt Keller von der Deutschen Bank. Und die Nachfrage nach Factoring als Ergänzung oder Alternative zur klassischen Kreditfinanzierung wächst nach Beobachtungen der Commerzbank weiterhin. „Dies gilt für nahezu alle Branchen“, sagt Stangohr und verweist insbesondere auf den Bereich Automotive, aber ebenso auf Lieferanten des Einzelhandels, die Metall verarbeitende Industrie,

Händler und Dienstleister. Als Motivation vieler Kunden beschreibt Stangohr den Risikoabgang von Aktiva und den damit verbundenen, möglichen Bilanzeffekt – True Sale – sowie die Finanzierung von tendenziell steigenden Zahlungszielen. Natürlich ist Leasing für viele Mittelständler eine Finanzierungsalternative. Ein typischer Finanzierungsmix kann sich dann hälftig in eine Innen- und eine Außenfinanzierung aufteilen, wobei die Fremdfinanzierung wiederum zu jeweils 50 Prozent von der Hausbank und einer Leasinggesellschaft oder einem anderen Spezialinstitut übernommen werden kann.

Hier setzt auch die Trumpf Financial Services an, die den Kunden der Trumpf-Gruppe verschiedene absatzfördernde Finanzierungsmodelle wie Leasing, Mietkauf oder Kredite für die eigenen Produkte anbietet. Seit das Institut 2014 von der Aufsicht eine Vollbanklizenz erhalten hat, verfügt die „Trumpf Bank“ auch über ein EU-Passport. „Damit haben wir auch beim Kredit- und Leasinggeschäft keinerlei Probleme mit der nationalen Aufsicht“, sagt der Sprecher der Geschäftsführung der Trumpf Financial Services, Hans-Joachim Dörr. Somit fördern die Trumpf Bank und ihre Kooperationspartner durch Leasing, Mietkauf oder Kredite inzwischen rund die Hälfte des Absatzes der Muttergesellschaft in der Größenordnung von jährlich 250 bis 300 Millionen Euro. Die Penetrationsraten von Trumpf Financial Services liegen derzeit in Deutschland bei 25 Prozent. Für Deutschland etwa soll die Quote auf 30 bis 40 Prozent steigen. spe


Schuldschein macht dem Poltergeist Konkurrenz

Pandemie. Der Siegeszug von Schuldscheindarlehen in Deutschland ist unterbrochen.

Nachdem der Markt im Zuge der beiden Lockdowns empfindlich eingebrochen war, gab es zwar im Mai und im Herbst kräftige Erholungstendenzen; diese konnten aber die Corona-bedingten Rückgänge nicht kompensieren, sodass nach Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) für das Gesamtjahr ein Volumenrückgang von 27 auf rund 19,5 Milliarden Euro aus 100 Transaktionen zu Buche schlagen dürfte. Auf mittlere Sicht aber schreibt der Schuldscheinmarkt laut LBBW dennoch eine Erfolgsgeschichte. „Unsere aktuellen Transaktionen zeigen, dass auf der einen Seite Investoren angesichts des anhaltenden Negativzinsumfelds stabile und vernünftig bepreiste Investitionsmöglichkeiten suchen“, sagt dazu LBBW-Schuldschein-Experte Matthias Hoffmann. Auf der anderen Seite schätzten Unternehmen unverändert die Flexibilität des Instruments Schuldscheindarlehen sowie dessen attraktive Konditionen, so Hoffmann.

So nutzen zunehmend mittelständische Unternehmen diese Finanzierungsalternative zu klassischen Anleihen, um Fremdkapital aufzunehmen. Auf diese Weise sichern sie sich auch langfristig die nach wie vor niedrigen Zinsen. Deshalb verlängern sich die durchschnittlichen Laufzeiten. Der Anteil kurzfristiger Darlehen (maximal vier Jahre Laufzeit) liegt mittlerweile im einstelligen Prozentbereich, während 27 Prozent der neuen Schuldscheine über acht Jahre laufen.

ALTERNATIVE ZUR ANLEIHE

Dabei ist der „Schuldschein“ inzwischen weit in die englischsprachige Welt vorgedrungen, wo er sich neben anderen deutschstämmigen Begriffen wie „Poltergeist“, „Kindergarten“ und „Wanderlust“ einreiht. Da bei Schuldscheinen – anders als bei klassischen Darlehen – keine Sicherheiten hinterlegt werden müssen, ist das Handling für Unternehmen spürbar einfacher. Dieser Gewinn an Flexibilität kommt in der Regel gut an bei mittelständischen und auch größeren Unternehmen. Tatsächlich hat sich der Schuldschein international als Alternative zu Anleihen, aber auch zu Bankkrediten etabliert. Formal sind Schuldscheine simple Darlehen. Aber gerade das „Simple“ des Schuldscheins macht ihn laut LBBW attraktiv für viele Unternehmen, insbesondere Mittelständler.

Das Minimum für Schuldscheine liegt etwa bei 20 Millionen Euro, während sich eine Anleihe meist erst ab einem Volumen von 500 Millionen Euro lohnt. Der bürokratische Aufwand gilt als wesentlich geringer als bei Anleihen. Auch ein externes Rating ist verzichtbar, werden doch die Geschäftsdaten nur den interessierten Investoren offengelegt. Der Kreis dieser Investoren wiederum kann von niedrig bis hoch gewählt werden. Wenn es darauf ankommt, kann die LBBW auf Wunsch über 700 Investoren ansprechen, die ein langfristiges Anlageinteresse haben. Thomas Spengler