AM BALL BLEIBEN
Man könnte denken, über Fußball ist eigentlich alles gesagt, erforscht und geschrieben. Weit gefehlt. Das Phänomen Fußball beschäftigt nach wie vor Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Heute werfen wir einen Blick auf die Fußballprofis im Schatten, ohne die große Stars nicht denkbar sind.
Man nennt sie Sidekicks, Schattenmänner oder Wasserträger. Gemeint sind die Fußballer, die oft die heimlichen Helden großer Spieler sind, bedingungslose Begleiter und Weggefährten der vermeintlichen Hauptfigur. Sie agieren im Schatten, um ihren im Rampenlicht stehenden Kompagnons den Rücken freizuhalten. Der Kaiser jedenfalls wusste, was er an Georg Schwarzenbeck hatte, den alle nur Katsche gerufen haben. Er ist Weltmeister, Europameister und mehrfacher Deutscher Meister geworden, Im Gegensatz zu vielen Mitspielern hatte er nie das Interesse, dem Fußball nach seiner aktiven Zeit erhalten zu bleiben. Stattdessen arbeitete der heute 76-Jährige bis zur Rente in einem Schreibwarenladen in München. „Putzer des Kaisers“ wurde Schwarzenbeck auch genannt. Der rabiate Verteidiger – von einem niederländischen Reporter mal mit „halb Mensch, halb Stier“ beschrieben – war der Mann fürs Grobe, damit sich Beckenbauer auf die Feinarbeit konzentrieren konnte. Als er 65 Jahre alt wurde, schickte ihm der Franz folgende Botschaft: „Damals beim FC Bayern war er neben Sepp Maier und Gerd Müller mein wichtigster ,Mitarbeiter’.“

Ein weiterer Wasserträger aus der Weltmeisterelf von 1974 war Herbert, Hacki Wimmer. Seine Bilanz: Fünfmal Deutscher Meister, je einmal DFB- und UEFA Cup-Sieger, Europameister 1972 und Weltmeister 1974 – was für eine herausragende Karriere. Das ist den wenigsten bewusst, denn es gab eben auch die Müllers und die Netzers. Letzterem trug Wimmer bei Borussia Mönchengladbach die Bälle zu, hielt dem großen Blonden den Rücken frei. Er spulte Kilometer ab, ging in zermürbende Zweikämpfe und eroberte die Kugel zurück, wenn die Genies vorne mal wieder geschlampt hatten.
Beim HSV hatten sie auch so einen Hacki. Der hieß Bernd Wehmeyer und spielte mit Größen wie Kevin Keegan, Felix Magath, Manfred Kaltz oder Horst Hrubesch. Die Gegner nannten ihn „Fummelmeyer“, weil er ihnen nicht von der Pelle rückte und daraus wurde sein Spitzname „Fummel“. Seine Rolle im Schatten der Fan-Idole hat ihm nie Probleme bereitet. „Ich habe das Glück gehabt, dass ich Teil einer großartigen Mannschaft war“, sagte Wehmeyer. „Ich habe mich als Teamplayer gesehen. Für mich war das völlig in Ordnung. Ich brauche nicht das Rampenlicht.”
Auch Frankreichs Weltmeistertrainer Didier Dechamps wurde als Spieler von seinem Teamkollegen Éric Cantona abschätzig „Wasserträger“ genannt. Als Aktiver waren nicht Glitzer und Feuerwerk das Metier des defensiven Mittelfeldspielers. Er gewann Bälle, zog Fäden – mit Sinn für die richtige Entscheidung. „Ich habe den Fußball nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer des Gewinnens wegen“, sagte Dechamps und pflegt dieses Credo auch als Trainer.
Aber auch im hier und jetzt profitieren die Superstars von ihren Sidekicks. Lionel Messi zum Beispiel hätte sich bei der Weltmeisterschaft in Katar niemals den allergrößten Traum erfüllen können, wäre da nicht der Sechser Rodrigo De Paul als Bodyguard an seiner Seite gewesen. Das Internet ist voll davon mit De Pauls Aktionen auf denen seine Opferbereitschaft zugunsten seines Superstars Messi zu bestaunen ist: Immer ist der Atlético-Profi zur Stelle, wenn La Pulga seine Hilfe braucht. Die beiden bildeten während der WM ein Dreamteam, das schwer zu schlagen war. Die Tatsache, dass De Paul in der Gruppenphase fast doppelt so viel wie sein Kapitän gerannt ist, stört den Mann nicht im Geringsten. Zu seiner Jobbeschreibung gehöre es dazu, „dass ich versuche, ihn weniger laufen zu lassen“, so De Paul. Elke Rutschmann