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Gesundheit

Ausblick. Kurzfristig leidet der Arbeitsmarkt im Gesundheits- und Sozialwesen unter der Corona-Pandemie. Langfristig ist die Branche aber eine, in der viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Vakanzen steigen

Das Gesundheits- und Sozialwesen ist nicht nur eine große, sondern auch eine stark wachsende Branche: Fast eine Million neuer Arbeitsplätze sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Und vor allem in der Pflege wird weiter Personal gesucht. Daneben gibt es aber auch andere spannende Berufe in einer langfristig gut aufgestellten Branche.

Foto: picture factory/Adobe Stock

Intensiv-Beatmungsgeräte sind die einzige Hilfe bei lebensbedrohlich erkrankten Corona-Patienten. Das Drägerwerk in Lübeck stellt Beatmungsgeräte her und ist voll ausgelastet. Wie die gesamte Medizintechnik in diesen Tagen – könnte man meinen. Doch das stimmt nur zur Hälfte, denn Corona zeigt auch in dieser Branche zwei Gesichter: „Alle medizintechnischen Unternehmen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Behandlung von Covid-19-Erkrankten stehen, haben ihre Produktionskapazitäten ausgeweitet“, sagt Marcus Kuhlmann, Leiter Medizintechnik bei Spectaris, dem deutschen Industrieverband für Hightech-Produkte. Andere Medizintechnikunternehmen leiden dagegen unter der Krise genauso wie viele Unternehmen der Industrie.

Aber die Medizintechnik wird sich bald erholen, weil sie alternativlos ist. „Ohne Medizintechnik funktioniert Gesundheit heute nicht mehr“, sagt Kuhlmann. Die Medizintechnik hat rund 215 000 Beschäftigte, in den vergangenen fünf Jahren sind etwa 12 000 neue Stellen entstanden, einige davon bei Siemens Healthineers, der Medizintechniksparte von Siemens. Das Unternehmen hat seit einem Jahr eine neue Produktlinie auf dem Markt, in der KI bei der Entscheidung in der radiologischen Bildgebung zum Einsatz kommt: Software scannt eine Computertomografie der Lunge dreidimensional nach Knoten und markiert sie automatisch, sofern welche vorhanden. Die Unterstützung von Ärzten bei radiologischer Bildbeurteilung ist eine große Stärke von KI. In diesem Bereich entstehen neue Technologien in einem spannenden und innovativen Arbeitsumfeld.

Evangelische Heimstiftung Württemberg GmbH

Aktuell aber macht Corona Teile der Medizintechnik krank und hat auch die Gesundheitswirtschaft teilweise infiziert. Verschobene Operationen, zurückgestellte Investitionen: „Es zeigt sich immer klarer, dass die Pandemie die Unternehmen stärker trifft als anfangs vielleicht gedacht“, sagt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, DIHK. Laut einer Umfrage des DIHK erwarten 72 Prozent der Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft in diesem Jahr Umsatzrückgänge.

Treffen die Prognosen ein, sind viele Mitarbeiter betroffen. Denn die Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen sind eine große Beschäftigtengruppe. Rund 5,7 Millionen Menschen arbeiteten laut Statistischem Bundesamt zum Jahresende 2018 in diesem Wirtschaftszweig. Das Gesundheits- und Sozialwesen ist nicht nur eine große, sondern auch eine stark wachsende Branche: Fast eine Million neuer Arbeitsplätze sind seit 2010 entstanden. Das Gesundheits- und Sozialwesen ist die Branche mit den meisten Beschäftigten in Deutschland. Deren Besonderheit besteht darin, dass drei von vier Frauen sind. Das meiste Gesundheitspersonal haben Krankenhäuse, dann folgen Pflege und Arztpraxen.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, umgangssprachlich die fünf Wirtschaftsweisen genannt, hat in einer Studie Ende 2018 den Fachkräftebedarf im Gesundheits- und Sozialwesen 2030 prognostiziert. Die Untersuchung kommt zu der Erkenntnis, dass „der Zuwachs der Erwerbstätigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Deutschland zu einem großen Teil dem Gesundheits- und Sozialwesen zugeschrieben werden kann“.

Weil aber mit zunehmender Alterung der Gesellschaft die Anzahl an erwerbsfähigen Menschen sinkt, prognostizieren die Wirtschaftsweisen einen Personalengpass. Aktuell steigen die Vakanzen sowohl in der Anzahl offener Stellen als auch die Vakanzzeiten bis zur Wiederbesetzung offener Stellen. Zudem waren die Lohnsteigerungen im Gesundheits- und Sozialwesen stärker als in anderen Branchen. So macht sich die Knappheit an Personal bereits bemerkbar. Der Sachverständigenrat geht davon aus, dass aufgrund des demografischen Wandels in zehn Jahren eine Fachkräftelücke von 1,3 Millionen Vollzeitkräften entstehen kann, wenn nicht mehr Menschen für Gesundheits- und Sozialberufe gewonnen werden.

Soweit die langfristige Arbeitsmarktsituation und -prognose dieser Branche. Durch die Corona-Pandemie ist das Gesundheitsund Sozialwesen jedoch aktuell in den Fokus gerückt.

Viele dieser Tätigkeiten wurden als systemrelevant eingestuft und für solche Berufe fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund höhere Löhne. Beschäftigte in systemrelevanten Berufen müssten endlich ordentlich bezahlt werden, fordert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. „Einmalzuschläge reichen nicht aus.“ Beschäftigte in der ambulanten und stationären Altenpflege erhalten in diesem Jahr einen einmaligen Corona-Pflegebonus in Höhe von bis zu 1000 Euro. Fast alle Bundesländer, darunter Baden-Württemberg, stocken diesen Betrag auf 1500 Euro auf. Peter Ilg
     

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