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Start in die Berufsausbildung Theorie und Praxis in einem

01. Oktober 2019 - 08:00 Uhr

Wer dual studiert, hat keine Semesterferien, sondern nur Urlaub wie ein Arbeitnehmer. Dafür gibt es ein Gehalt. Foto: Rawpixel.com/Adobe Stock
Wer dual studiert, hat keine Semesterferien, sondern nur Urlaub wie ein Arbeitnehmer. Dafür gibt es ein Gehalt. Foto: Rawpixel.com/Adobe Stock

SPANNENDE PROJEKTE IM UNTERNEHMEN

„Ich sehe die Kombination von praktischer und theoretischer Ausbildung als großen Vorteil gegenüber Vollzeitstudiengängen“, begründet Timo Edler seine Entscheidung für ein duales Studium und merkt an: „Nach meiner Ausbildung zum Mechatroniker habe ich in Vollzeit den Techniker gemacht und kenne daher die Alternativen sehr gut.“ An spannenden Projekten hat er bislang in seinem Unternehmen mitarbeiten dürfen und im Verlauf einer Urlaubsvertretung auch ganz schön viel Verantwortung übernommen. „Das wäre als Praktikant oder studentische Aushilfskraft so nicht möglich gewesen“, ist er sich sicher.

In allen Unternehmensbereichen, die er durchlaufen hat, fand er sich von Beginn an gut eingebunden und eher als „Kollege“ denn als „Student“ angesehen. „Ein reines Studium macht niemals so gut mit der Praxis vertraut“, ist sich Timo Edler sicher, und die Abwechslung alle drei Monate zwischen Praxis- und Theoriephase halte die Motivation sehr hoch. Einziges Manko, das dem Studenten einfällt: „Es gibt keine Semesterferien.“ Um zu entspannen, muss er Urlaub nehmen. Aber angesichts seines monatlichen Gehalts, das ihm Semesterjobs erspart, sei seine Entscheidung auch in dieser Hinsicht rundum richtig.

„Wie, du hast keine Semesterferien?“ Theresa Schwab-Graf ist diese ungläubige Frage vertraut. Ja, sie ist Studentin, hat aber „nur“ Urlaub. Auch beim Zusammenstellen ihres Stundenplans habe sie weniger Freiheiten als an einer Universität, merkt Theresa Schwab-Graf an, betont aber: „Dem stehen superviele Vorteile gegenüber.“ Da ist zunächst einmal die Praxis, die sie bei ihrem ersten Studium der Kunstgeschichte und Architektur vermisst hat. „Zudem ist mir die Zusammenarbeit mit Menschen wichtig. Ich möchte wissen, wohin mich mein Studium führt, was ich damit erreichen kann“, erzählt Schwab-Graf, die im vierten Semester „Soziale Arbeit in Rehabilitation und Pflege“ ist.

FREISTELLUNG FÜR AUSLANDSAUFENTHALT

Ihren dualen Partner, das Atrio Leonberg, einen diakonischen Unternehmensverbund, der Menschen mit Behinderung unterstützt, hat Schwab-Graf vor Studienbeginn im Rahmen eines Praktikums näher kennengelernt. Bislang war sie durchweg im Bereich „Betreutes Wohnen“ eingesetzt, wo sie Schritt für Schritt mehr Aufgaben übernehmen konnte – ob bei der alltäglichen Hilfe für die Klienten oder bei der Arbeit im Büro. „Ich fühle mich gut in das Team eingebunden und wertgeschätzt“, erzählt die Studentin und betont, dass sie für die Praxisphase im dritten Semester gar freigestellt worden war. „Ich durfte die Zeit nutzen, um die Arbeit an einer anderen Einrichtung kennenzulernen, und habe in Frankreich an einer bilingualen Kinderkrippe gearbeitet – das war eine tolle Chance“, freut sie sich. Die nächste Praxisphase bringt den Wechsel in den Sozialdienst der Werkstätten mit sich und Schwab-Graf ist schon gespannt, was sie erwartet. Julia Alber


Wie belastend darf es sein?

Knochenjobs für Azubis

Kauffrau oder Mechaniker, im Einzelhandel oder auf der Baustelle: Keine Ausbildung gleicht der anderen. Die Belastungen, die auf Azubis zukommen, sind ganz unterschiedlich. Mal wird es stressig, hier körperlich aufreibend, da eher geistig anstrengend. Doch jede Belastung kann eine Überlastung werden. Wie groß das Problem ist, zeigt der Fehlzeiten-Report der AOK von 2015, für den die Krankenkasse den Gesundheitszustand von Azubis untersucht hatte: Jeder Dritte hat demnach häufig oder sogar immer gesundheitliche Beschwerden, Frauen deutlich öfter als Männer. Häufigstes Symptom sind Müdigkeit und Erschöpfung, gefolgt von Kopf- und Rückenschmerzen.

Mancher Lehrling hört da vielleicht folgenden Satz: „Du bist doch jung, du hältst das aus.“ Doch das Gegenteil sei der Fall, sagt Manuel Michniok, Ausbildungsexperte der Gewerkschaft IG Metall. Junge Leute brauchen sogar besonderen Schutz – weil sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinne noch wachsen müssen. „Wenn es in dieser Phase zu einem gesundheitlichen Schaden kommt, kann das Folgen für das weitere Leben und die berufliche Laufbahn haben.“

UNTER 18 GREIFT DER JUGENDARBEITSSCHUTZ

Einen besonderen gesetzlichen Schutz für Azubis gibt es zwar nicht, für sie gelten aber auch die regulären Arbeitsschutzvorschriften. Und natürlich muss die Arbeit – und damit die Belastung – zum Beruf passen. Für Minderjährige gilt zudem das Jugendarbeitsschutzgesetz. „Das regelt ausdrücklich, dass Jugendliche keine Arbeit machen dürfen, die ihre physischen oder psychischen Fähigkeiten übersteigt“, so Michniok. Um zu sehen, wo bei Azubis unter 18 Jahren die Grenzen liegen und ob sie überhaupt fit genug für den Job sind, gibt es für sie zudem eine verpflichtende Untersuchung zum Ausbildungsstart.

„Die physischen und psychischen Anforderungen der Ausbildung müssen immer zu den individuellen Fähigkeiten passen“, sagt Michniok. Heißt konkret: Argumente wie „Der Azubi muss hier immer die 30-Kilo- Säcke schleppen“ zählen nicht – wenn das jemand nicht schafft, muss er es nicht machen. Gleiches gilt für andere anstrengende Tätigkeiten, geistige wie körperliche.

Schließlich ist die Ausbildung an sich schon Stress genug. „Zudem haben die Azubis oft gar keine Vorstellung davon, was in der Arbeitswelt auf sie zukommt“, sagt Ingo Weinreich vom Beratungsunternehmen IfG (Institut für Gesundheit und Management). Das IfG betreibt die Website „Azubifit“ und bietet in Unternehmen Workshops zum Thema „Fitness und Gesundheit für Azubis“ an. Wer körperlich arbeitet, lernt dort zum Beispiel etwas über ergonomisch korrektes Heben, Kaufleute und andere Büro- Azubis beschäftigen sich eher mit Konfliktmanagement oder Medienkompetenz.

Den Rauswurf müssen Azubis, die wegen Überlastung um Hilfe rufen, nicht fürchten. „Und nur weil man aus gesundheitlichen Gründen an einem bestimmten Platz nicht arbeiten kann, heißt das ja nicht, dass man gleich die ganze Ausbildung abbrechen muss“, erklärt Michniok. „Gerade in Betrieben, die in mehreren Berufen ausbilden, kann man vielleicht intern wechseln.“ dpa
   

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