
Alle stöhnen über den Fachkräftemangel - Sie auch?
Ich möchte so sagen: Diejenigen, die stöhnen, sind ja auch oft diejenigen, die sich oft nicht um Fachkräfte bemühen. Wir haben in der Regel bei uns im Unternehmen immer zwei Azubis pro Ausbildungsjahr. Wir stehen mit zwei Schulen im engen Kontakt und durchschnittlich besuchen wir vier Messen jährlich. Wenn man gut strukturiert ist, dann findet man auch neue Mitarbeiter.
Wie viele junge Leute ergreifen den Beruf des Anlagemechanikers für Sanitär und Heizung?
Im Landkreis Böblingen/Stuttgart haben wir pro Schuljahr zwischen 190 bis 220 Schüler. In Sindelfingen gibt es die Gottlieb-Daimler-Schule, in Stuttgart die Robert-Mayer-Schule, die zusätzlich noch das 3 BK (Dualer Ausbildungsgang) hat.
Und wie steht es mit der Quote: es sind schon viel mehr junge Männer als Frauen, die Ihren Beruf ergreifen, oder?
Als ich selbst meine Ausbildung angefangen habe, gab es wirklich so gut wie keine Frau, die den Beruf ergriffen hätte. Heute ist es ein bisschen anders, pro Klasse können es schon zwei bis drei weibliche Azubis dabei. Aber es ist nicht so, dass Frauen nicht in der Sanitär- und Heizungsbranche vertreten wären. Ich kenne einige Frauen, die Betriebe führen.
An welchen Stellschrauben müsste man drehen, damit der Beruf auch für Frauen interessant sein könnte?
Meine Erfahrung ist, dass es in Schulen, wenn es um Berufsorientierung geht, oft Beratungen gibt, die Top-Arbeitgeber oder die technischen Berufe mit Studium in den Vordergrund stellen. Was aber oft gänzlich fehlt, ist das Handwerk und mit ihm verbunden die Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich muss ja nicht nur Bad und Heizung in Wohnräumen machen. Man kann genauso gut im Facility Management oder auf dem Schiff oder an Flughäfen den Beruf ausüben. Ich glaube, die Vielfalt des Berufs muss man mehr vorstellen und dann kann ich mir denken, spricht es auch vielleicht Frauen mehr an.
Welche Kompetenzen sollten Berufsanfänger als angehende Anlagemechanikers für Sanitär und Heizung mitbringen?

Staub und Dreck muss man buchstäblich schlucken können, dass kommt halt mal vor. Man sollte interessiert und wissbegierig sein und bereit sein, auch das Zusammenspiel mit anderen Gewerken zu verstehen - und dann stehen einem die Türen auch offen.
Haben Sie ein Beispiel für einen vorbildlichen Werdegang?
Wir hatten mal einen jungen Mann, der mir von einem Kollegen weitervermittelt wurde. Er war als Schüler im Förderunterricht, hat bei uns die Ausbildung gemacht, hat studiert, ist ins Ingenieurswesen eingestiegen und hat sich auf Krankenhaustechnik spezialisiert.
Sie statten Ihre Monteure mit Handys und Tablets aus.
Tatsächlich geht bei uns nur noch sehr wenig übers Papier, dann vielleicht, wenn man mal einen Plan oder Lieferschein ausdrucken muss. Ansonsten werden Daten, Rechnungen und Standardaufträge online erfasst und abgelegt. Ich schätze, dass gut 60 Prozent in unserem Berufszweig ihre Aufträge digital tätigen.
Diskutiert man die Zukunft auch mit anderen Kollegen?
Macht man schon. Nach wie vor bin ich noch Innungsmitglied und nehme an Veranstaltungen teil. Diese Woche war ich bei einem Lehrgang vom Fachverband. Demnächst bin ich bei einer Veranstaltung bei der Berufsgenossenschaft. Ich denke, das ist nicht mehr wie früher, als man fast mit Steinen aufeinander geworfen hat, wenn man merkte, dass jemand einen den Auftrag weggeschnappt hat. Das kenne ich von meinen Kollegen eigentlich nicht.
Um was geht's in der Berufsgenossenschaft?
Letztendlich ist das auch ein „Rating“ (lacht), da muss man sich dann auch sehen lassen. Es geht insgesamt um den Arbeitnehmerschutz. Das ist wichtig - auch wenn manches übertrieben wird. Wir sind eben nicht die Industrie, wo die Leute in der Halle arbeiten, wir sind auf den Baustellen. Wenn man 15 bis 20 Mitarbeiter vor Ort hat, dann kann man nicht immer daneben stehen, das geht nicht und das sollte man verstehen.
Ressourcen-Sparen und Umweltschutz ist ein weiteres Thema.
Das steht an, dass ist klar. Schwierig ist die Umsetzung, weil es politisch in meinen Augen falsch angegangen wurde. Bestimmte Maßnahmen sind ja okay. Manches ist auch übertrieben. Wenn ich das Dach renoviere und dämme und muss dann gleichzeitig noch die Photovoltaikanlage drauf machen, das ist ja alles schön und gut. Aber zu neunzig Prozent müssen Sie dann den Elektrozählerschrank umbauen, das heißt, das sind nochmals zigtausend Euro oben drauf. Wenn es dann noch ein Mehrfamilienhaus ist, dann wird es noch sehr viel schwieriger. Dann müssen Sonderumlagen gemacht werden. Das hat die Regierung nicht ganz berücksichtigt
Wie sehen Sie allgemein die Zukunft des Handwerks?
Ich seh die Zukunft des Handwerks insgesamt positiv. Was ich glaube, ist, dass es mehr größere als kleinere Betriebe geben wird, Ein- bis Dreimann-Betriebe, dann erst wieder die größeren ab 40 Mitarbeiter. Diejenigen dazwischen werden wegsterben. Wir haben soviel Reglementierungen, Forderungen einzuhalten, die ein Arbeitgeber vermitteln muss, das kann er fast gar nicht mehr. Wir haben demnächst die Berufsgenossenschaft da - und ich muss sagen: man könnte drei bis vier Schulungen machen, es wird vermutlich nie reichen, um die absolute Sicherheit zu gewährleisten. Eine gewisse Bürokratie brauchen wir, aber manche Dinge sind zuviel.
Das Gespräch führte Katrin Schenk
Zur Person
Unternehmen Tilo Kraus ist 58 Jahre alt und seit 1999 Inhaber und Geschäftsführer der Firma Schaal Bad + Design GmbH in Leonberg, seit 2021 alleiniger Inhaber. Bis Dezember 2023 war er sechs Jahre lang Obermeister der Innung Sanitär und Heizung.