Alle vier Jahre verwandelt sich der Cannstatter Wasen in einen riesigen Bauernhof. Vom 27. September bis 4. Oktober 2026 präsentiert das Landwirtschaftliche Hauptfest (LWH) die Branche in ihrer ganzen Breite von innovativer Technik über Tierhaltung bis zu regionalen Produkten. Acht Tage lang heißt es: LANDWIRTSCHAFT erLEBEN.
Die Wurzeln der Veranstaltung reichen zurück bis ins Jahr 1818. „Der Auslöser für die Gründung des Landwirtschaftlichen Hauptfestes war eine existenzbedrohende Krise im Königreich Württemberg“, erklärt Marco Eberle, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg e. V. „Die Bevölkerung und insbesondere die Bauern litten unter einer furchtbaren Hungersnot.“ König Wilhelm und seine Frau Katharina riefen daraufhin die Landwirtschaftsausstellung ins Leben, eng verknüpft mit dem Volksfest. Die Ziele des Königspaars, wie die Förderung von Innovation und Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft, die Stärkung der Wirtschaft sowie Impulse für Forschung und Bildung, bestimmen den Charakter des LWH bis heute.

Mehr als 200 Jahre später ist die Landwirtschaft eine hochmoderne Branche. Innovative Landtechnik, Digitalisierung, neue Entwicklungen bei der Energiegewinnung und ressourcenschonende Verfahren prägen die Gegenwart. „Unsere Betriebe müssen wirtschaftlich bestehen und gleichzeitig Antworten auf Klimaveränderungen, Tierwohl, Nachhaltigkeit und die Erwartungen der Gesellschaft finden“, betont Marco Eberle. „Innovation ist für uns kein Selbstzweck. Sie muss uns helfen, Lebensmittel verantwortungsvoll zu erzeugen und die Höfe auch für die nächste Generation zukunftsfähig aufzustellen.“
Bauernhofgefühl auf den Wasen
Besonders anschaulich wird der Wandel auf dem Maschinenvorführgelände des Landwirtschaftlichen Hauptfestes. Dort zeigen leistungsfähige Landmaschinen, wie moderne Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte funktionieren. Auch das Thema Tierhaltung bekommt viel Raum: Sechs große Zelte mit rund 600 Tieren bringen echtes Bauernhofgefühl auf den Wasen - von Schafen und Ziegen über Esel und Kühe bis zu Kaninchen. Neu ist in diesem Jahr eine Sonderschau zur modernen Kälberhaltung, die Einblicke in die heutige Praxis der Kälberaufzucht ermöglicht. Das Reitstadion verspricht ebenfalls spektakuläre Momente, denn dort sind Auszüge aus der Hengstparade des Haupt- und Landgestüts Marbach zu sehen. Gemeinsam mit dem Pferdezuchtverband Baden-Württemberg und dem Württembergischen Pferdesportverband wird eine Schau geboten, bei der edle Pferde im Mittelpunkt stehen.
Erstmals ist das Albdorf Teil des LWH und bringt ein Stück schwäbische Genusskultur auf den Wasen. Mindestens 75 Prozent der angebotenen Produkte stammen aus Baden-Württemberg: Wildspezialitäten, Linsen, schwäbischer Fisch oder Spätzle machen die regionale Vielfalt unmittelbar erlebbar. Das Konzept hat sich bereits auf dem Frühlingsfest und dem Volksfest etabliert und bekommt nun auch beim Hauptfest seinen Platz. In der „Halle der Regionen“ lässt sich die Vielfalt Baden-Württembergs entdecken, während in Halle 1 Landwirtschaft und Verbraucherinformationen im Mittelpunkt stehen. Fachprogramme und Vorträge laden dazu ein, tiefer einzusteigen. Und auch für die jüngsten Besucher ist gesorgt: Im „Stutengärtle“ werden Kinder von fünf bis zwölf Jahren betreut, für Kindergartengruppen und Schulklassen gibt es eigene Programme.
Das LWH richtet sich ausdrücklich nicht nur an Fachleute. Gerade wer im Alltag nur selten mit Landwirtschaft in Berührung kommt, kann hier hinter die Kulissen blicken und sich ein eigenes Bild machen. „Wir möchten zeigen, wie Lebensmittel hier bei uns erzeugt werden und welche Arbeit, welches Wissen und welche Verantwortung dahinterstehen“, erklärt Marco Eberle. So können die Besucher Landwirtschaft in einer Vielfalt und Nähe erleben wie sonst kaum irgendwo: mit Tieren, moderner Technik und vor allem mit den Menschen, die jeden Tag regionale Lebensmittel erzeugen. „Außerdem macht es einfach Spaß, selbst einmal auf einen großen Schlepper zu steigen“, und unter Anleitung der Deula auch mal zu fahren, beim Traktor fahren für Jedermann und -frau. So verbindet das LWH Geschichte und Gegenwart, Information und Erlebnis. Wer Landwirtschaft also nicht nur aus dem Supermarktregal, sondern aus nächster Nähe kennenlernen möchte, bekommt auf dem Cannstatter Wasen acht Tage lang Gelegenheit dazu. Brigitte Bonder
Gegenpol zum Trubel
Wasen-Besucher, die eine kurze Pause vom Achterbahnfahren oder dem Festzelt-Trubel brauchen, besuchen den Krämermarkt. Auf dem Festgelände ist er in Richtung König-Karls-Brücke gelegen und lädt zum entspannten Bummeln und Verweilen ein. „Der Krämermarkt ist ein Kaufhaus unter freiem Himmel“, sagt Sabine Wirblich, 1. Vorsitzende der Bezirksstelle Region Stuttgart des Landesverbandes Schausteller und Marktkaufleute Baden-Württemberg.
Dort bekommt man quasi alles, was das Herz begehrt: Handyschalen, Gürtel, Gewürze, Tee, Topflappen, Geldbeutel aber auch Trachtenkleidung sowie Accessoires fürs Wasen-Outfit „wie Anstecknadeln, Blumenreifen, Einstecktücher, Socken oder Hosenträger“, sagt Wirblich und ergänzt: „Auch etwas Beseeltes darf nicht fehlen, so gibt es Bibelsprüche oder christliche Bücher zu kaufen.“ Wichtig ist es ihr auch zu betonen, dass der Krämermarkt ein Treffpunkt für Jung und Alt ist. red
Grün auf dem Wasen
Wenn auf dem Cannstatter Volksfest gefeiert wird, hat Rainer Locher längst ganze Arbeit geleistet. Der Stuttgarter Gärtnermeister und seine Gärtnerei kümmern sich um Pflanzen und Blumenschmuck auf dem Festgelände. Besonders gefragt ist sein Team in den Festzelten. Im Dinkelacker-Zelt werden rund 5000 Quadratmeter mit Hopfen begrünt. Auch das Festzelt von Sonja Merz schmückt Locher mit Blumen und Pflanzen. Eine besondere Herausforderung sind die Blumenkästen: Alle drei Tage müssen die Pflanzen ausgetauscht werden - vor allem nach Partynächten keine saubere Angelegenheit. Denn neben Abfall landen dort auch Gläser und Essensreste. Für Locher gehört dieser Einsatz seit Jahren zum Wasen-Alltag. Seine Arbeit sorgt dafür, dass zwischen Bier, Musik und Feierlaune auch die Pflanzen nicht zu kurz kommen.