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Finanzen

Der Anlegerclub der Börse Stuttgart trotzt der Pandemie

Kapitalanlage. Einmal mehr macht die gegenwärtige Situation für Anleger deutlich, dass an der Börse Erwartungen gehandelt werden. Das Interesse an Wertpapieren steigt.

                
Foto: dpa

2.02.2021
Boerse Stuttgart - Anlegerclub

Eine bestimmte Assetklasse an den Kapitalmärkten will sich partout nicht an die herrschenden Ausgangsbeschränkungen halten. Die Rede ist von den Aktienmärkten, die den Lockdown global zu ignorieren scheinen – geradeso als hätte sich die Börse von der Realwirtschaft abgekoppelt.  

In der Tat, seit Beginn der Corona-Krise gebe es ein großes Interesse an Börse und Wertpapieren, sagt dazu Michael Völter, Vorsitzender des Vorstands der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse. „Viele Menschen haben wohl auf einen guten Zeitpunkt zum Einstieg gewartet“, sagt er. Und: Wer das im letzten Frühjahr umgesetzt hat, lag damit richtig. Wie Daten von Banken und Online-Brokern zeigen, haben zuletzt auch viele junge Menschen begonnen, in Wertpapiere zu investieren. „Das ist eine Entwicklung, die Hoffnung für die Anlagekultur hierzulande macht“, so Völter. Dabei nutzten die jungen Anleger die ganze Bandbreite an digitalen Handels- und Informationsangeboten. Völter macht klar, dass es die Börse als wichtig erachtet, Anlegern auch bei extremen Marktentwicklungen verlässliche und faire Handelsbedingungen zu bieten. So habe man im März 2020 kurzfristig und weitgehend auf „Remote-Arbeit“ umstellen können. „Quasi über Nacht haben wir eine virtuelle Börse mit dezentralem Handel außerhalb des Börsengebäudes geschaffen“, sagt Völter.

Dabei werden die Corona-Pandemie und ihre Begleiterscheinungen auch weiterhin die Märkte bestimmen. „Wir beobachten Volatilität und ein hohes Anlegerinteresse. Somit dürfte auch 2021 ein spannendes Börsenjahr werden“, sagt der Vorstand der Börsenvereinigung, der von einem weiterhin sehr regen Handel seit Jahresbeginn berichtet, insbesondere mit Aktien, ETFs und verbrieften Derivaten. Mit Blick auf die Anlagekultur gilt es in seinen Augen, das gestiegene Interesse an Wertpapieren auch in die richtigen Bahnen zu lenken und seriös zu bedienen. „Hier stehen wir als Börse mit höchster Verlässlichkeit und besten Preisen bereit“, so Völter. Im Übrigen meint der Börsenchef, dass Anleger generell nicht nervös werden sollten, wenn die Kurse fallen – „Schwankungen gehören bei Wertpapieren dazu“. Wenn viele erst seit Kurzem aktive Anleger jetzt unreflektiert handelten und deshalb unter dem Strich nicht erfolgreich seien, könnte der Aufschwung bei Wertpapierinvestments zum Strohfeuer werden. Deshalb wolle die Börse Stuttgart Anleger mit ihren Online-Seminaren, die bis zu 1000 Teilnehmer aufweisen, auf digitalen Kanälen unterstützen.

CRASH-WINTER NICHT ZU BEFÜRCHTEN

Im Kern bleiben Analysten im Gegensatz zum Frühjahr, als es zum bis dato schnellsten Börsencrash der Geschichte gekommen war, diesmal auch recht gelassen. „Ein Crash-Winter ist nicht zu befürchten“, versichert jedenfalls Robert Halver, Kapitalmarktstratege der Baader Bank. Dafür stehen die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung, die die Hoffnung auf Lockdown-Lockerungen ab dem Frühjahr nähren und damit konjunkturabhängigen Werten Schwung verleihen sollten. Impfstoffe sind in dieser Situation eben das, was man einen konjunkturellen „Game Changer“ nennt. So steigen die grundsätzlichen Erwartungen, dass die Konjunktur nach einer zwischenzeitlichen Verlangsamung im ablaufenden Jahr 2021 wieder deutlich an Fahrt aufnehmen wird. Und angesichts der oft negativen Renditen am Anleihemarkt bleiben den Anlegern außer Immobilien ohnehin kaum Alternativen als eben Aktien. Aber da auf dem aktuell hohen Niveau auch bei Aktien wenig zu holen sein dürfte, handeln Anleger gegenwärtig offensichtlich nach dem olympischen Gedanken: Dabei sein ist alles.

In Europa darf man darüber hinaus mit den Auswirkungen des kürzlich beschlossenen EU-Wiederaufbaufonds rechnen. Zwar werden im zweiten Halbjahr 2021 zunächst wohl nur zehn Prozent der insgesamt vorgesehenen 750 Milliarden Euro fließen, der Löwenanteil aber wird auf die Jahre 2022 bis 2025 verteilt. Wenn dieser Schub aus Zuschüssen und Krediten auf eine Impfstoffbasierte Konjunkturerholung trifft, kann der Aufschwung in der EU über das kommende Jahr hinaus anhalten. „Und das erhöht auch die Chancen für eine Fortsetzung der Hausse an den europäischen Aktienmärkten“, sagt Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie der Deutschen Bank. Überraschend gut ist die Stimmung auch im Dienstleistungssektor, der besonders stark unter den Coronavirus-Beschränkungen zu leiden hat. Summa summarum erwartet daher das LBBW Research für 2021 einen Zuwachs der Weltproduktion von fünf Prozent. Die Verluste aus der Rezession im Zuge der grassierenden Corona-Pandemie und aufgrund der Maßnahmen zu deren Eindämmung werden damit noch nicht aufgeholt. Bis es so weit ist, muss man sich wohl in den meisten Fällen bis zum übernächsten Jahr gedulden. Thomas Spengler


Alles eine Frage der Stimmung

Trends. Mit dem Markt-Sentiment ziehen Ökonomen Rückschlüsse auf die Börsenentwicklung.

Immer wenn die Börsen in Rekordlaune sind, fragen sich manche Anleger, warum ausgerechnet sie bei der Party nicht mit dabei sind. Und an zweiter Stelle fragen sie sich, ob es sich denn noch lohnen könnte, auf den fahrenden Zug steigender Kurse aufzuspringen. Eindeutige Antworten kann es nie geben, aber gewisse Hinweise, die unter dem Begriff „Sentiment“ (Empfindung, Gefühl) die Stimmung der Investoren auszuloten versucht. Dafür erhebt die Börse Frankfurt wöchentlich die Markterwartungen von aktiven Anlegern, um Rückschlüsse auf deren Anlageverhalten zu ziehen. Denn erst mit der Einbeziehung psychologischer Einflüsse kann man sich dem nähern, was die Welt der Finanzen bewegt, sagt der Verhaltensökonom Joachim Goldberg.

In seinen Analysen geht Goldberg davon aus, dass Anleger selten rational handeln. Sie gehen vielmehr mit ihren finanziellen Engagements eine emotionale Bindung ein, was nach Ansicht der Verhaltensökonomen zu einer starken Verlustaversion führt.

Sentiment-Analysen, die auf Umfragen basieren, lassen also Rückschlüsse auf die Börsenentwicklung und mögliche Kapitalströme zu. In der Regel hängt die Markteinschätzung der Anleger auch davon ab, wie erfolgreich sie ihre Investments wahrnehmen. Hinter dem Sentiment steckt die Überlegung, dass bullishe Anleger, die mit steigenden Kursen rechnen, bereits Aktien haben und bearishe Anleger, die mit sinkenden Kursen rechnen, „short gegangen“ sind – zumindest im institutionellen Bereich. Aus der Veränderung im Zeitlauf ziehen dann Analysten Rückschlüsse auf Einstandspreise und versuchen so, Marktschieflagen zu erkennen und Prognosen über die weitere Entwicklung abzugeben. Anhand ihrer Umfragen ermittelt die Börse Frankfurt regelmäßig sowohl für private als auch für institutionelle Anleger einen Sentiment-Index, der den absoluten Optimismus im Markt widerspiegelt. Für die Index-Berechnung werden die Optimisten im Verhältnis zu den Pessimisten gesetzt und mit den neutral gestimmten gewichtet. Eine andere Art des Stimmungsbarometers stellt die Börse Stuttgart mit dem Euwax Sentiment zur Verfügung.

In die Berechnung dieses Dax Sentiments fließen alle Orders in Dax-Hebelprodukten (Optionsscheine und Knock-out- Produkte) ein – also jene, die mit sogenannten Calls auf steigende Kurse spekulieren, wie auch diejenigen, die mit Puts auf fallende Märkte setzen. „Damit basiert der Euwax Sentiment nicht auf Umfragen, sondern auf tatsächlich getätigten Transaktionen von Privatanlegern“, sagt Richard Dittrich, Experte für Anlegerthemen an der Börse Stuttgart.

In den Index fließen sowohl die Käufe beziehungsweise Verkäufe von Call-Optionsscheinen als auch die Käufe beziehungsweise Verkäufe von Put-Optionsscheinen an der Börse Stuttgart ein. Für die Berechnung werden ausschließlich marktnahe Orders herangezogen, die innerhalb von 60 Sekunden eingestellt und ausgeführt wurden. Ist der Wert des Index positiv, setzt die Mehrheit der Anleger auf einen steigenden Markt. spe