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Stuttgarter Planungsbüro str.ucture: Vision für eine grüne Bebauung über der B 10

Eine neue Machbarkeitsstudie zeigt Möglichkeiten für eine Überdeckelung der Bundesstraße auf: Rund 150 Hektar Freizeit-, Gewerbe- und Wohnflächen könnten entstehen. Zudem die Wegeverbindung von Hedelfingen nach Obertürkheim verbessert und ein direkter Zugang zum Neckar geschaffen werden.

Ein Querschnitt zeigt die Möglichkeiten die sich bieten würden. Während unter dem Deckel der Verkehr fließt, könnten darüber erst Tiefgaragen sowie Gewerbe- und Büroflächen sowie Wohnbebauung entstehen. Visualisierungen: Planungsbüro str.ucture

28.09.2021

Es ist eine Machbarkeitsstudie, eine Vision – aber aus Sicht des Hedelfinger Bezirksbeirats eine mit einem gigantischen Mehrwert für den Stadtbezirk, aber auch für ganz Stuttgart und die gesamte Region: Eine Überdeckelung der B 10 auf Gemarkung Hedelfingen. Die Vorteile sind vielfältig. So könnten bis zu 150 Hektar neue Freizeit-, Gewerbe- und Wohnflächen entstehen. Die Wegeverbindung zwischen Obertürkheim und Hedelfingen verbessert und auch der Neckar als Fluss erlebbarer gemacht werden. Und nicht zuletzt würde die Ökobilanz für die Stadt deutlich verbessert. Schließlich entstünde anstatt der bislang versiegelten sechsspurigen Bundesstraße ein grünes Band im Neckartal.

Es ist ein seit vielen Jahren gehegter Wunsch vieler Stuttgarter, dass der Neckar wieder erlebbarer und zugänglich gemacht wird. Doch bislang „schneidet“ die B 10 vor zu allem den Stadtbezirk Hedelfingen vom Fluss ab. Hinzu kommen die unzugänglichen Industrieanlagen im Neckarhafen. Und nicht zuletzt sind die Anwohner durch Lärm und Abgase stark belastet. Nun zeigt die neue Machbarkeitsstudie des renommierten Stuttgarter Planungsbüros str.ucture, dass eine Überdeckelung der B10 mit Leichtbau-Grünbrücken durchaus möglich ist. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Leichtbau BW GmbH, ein auf Wirtschafts- und Technologieförderung spezialisiertes Tochterunternehmen des Landes, mit Unterstützung der Bezirksbeiräte aus Hedelfingen und Obertürkheim sowie der Hafen Stuttgart GmbH.


Lärm und Abgase des Verkehrs auf der B10 könnten durch die Einhausung weitestgehend eingedämmt werden.


Dabei sind zwei Varianten denkbar. Eine Minimallösung sieht den Anbau kleiner Grünbrücken mit Aussichtsbalkonen an den Otto-Hirsch-Brücken vor. Zudem soll die bislang schlechte Wegeverbindung für Fußgänger verbessert und vom Radweg entkoppelt werden. Um die Aufenthaltsqualität zusätzlich zu verbessern und auch mehr Attraktivität zu schaffen, könnte ein Aussichtsturm am Neckar als Anziehungspunkt geschaffen werden.

Sehr viel interessanter und aus städtebaulicher Sicht mit sehr viel mehr Potenzial verbunden, erachtet Professor Michael Hermann allerdings die zweite, größere Variante. „Die Einhausung der B10 hätte deutlich mehr Vorteile“, betonte der str.ucture-Geschäftsführer bei der Vorstellung im Bezirksbeirat Hedelfingen. Auf Leicht- und Grünbrücken zwischen den Otto-Konz-Brücken und der Brücke an der Deponie Einöd könnten so verschiedenste Nutzungen entstehen. 25 000 Quadratmeter Gewerbe- und Bürofläche entlang des Hafengebiets, 10 000 Quadratmeter Sport- und Veranstaltungsfläche rund um den Hedelfinger Platz, großzügige Parkanlagen (9000 Quadratmeter) sowie entlang der bestehenden Bebauung in Richtung Einöd ein neues Wohngebiet mit weiteren 25 000 Quadratmetern. Angesichts des in Stuttgart sowieso großen Mangels an Gewerbe- und Wohnungsbauflächen „ein gigantisches aber umso mehr attraktives Projekt“, betonte Herrmann. Zum einen aufgrund der enormen Fläche, die gewonnen werden könnte – immerhin dreimal so groß wie das Areal am Neckarpark in Bad Cannstatt. Zum anderen da Abgase und Lärm der B 10 eingehaust würden und weitgehend entfallen würden. Und nicht zuletzt würde die Ökobilanz deutlich verbessert. Die derzeit enorme Wärmebelastung durch die Bundesstraße könnte fast gänzlich für ein besseres Stadtklima reduziert werden. „In der Idee steckt ein immenses ökologisches und wirtschaftliches Potenzial“, erklärte Leichtbau BW-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Seeliger sein Engagement.


Die Kosten von rund 130 Millionen Euro könnten großteils durch den Verkauf der neuen Flächen gedeckt werden.


Auch für den Bezirksbeirat ein zukunftsweisendes Projekt mit dem bereits morgen begonnen werden könnte, wie Mario Graunke (CDU) betonte. Angesichts der avisierten Kosten von rund 130 Millionen Euro, die ein innerstädtischer Überbau wie der der A 81 in Freiberg am Neckar verschlingt, müssten zunächst aber einmal die nötigen Gelder bereit gestellt werden, nannte Herrmann eine Größenordnung aus einem Referenzprojekt. „Allerdings könnte ein Großteil der Investition durch den Verkauf der generierten Flächen gedeckt werden.“ Dazu müssten allerdings noch die Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Denn Bundesstraßen wie die B 10 sind in Besitz des Landes. Denkbar wäre aus Sicht von Herrmann eine Lösung mit einem Erbpachtrecht, dass an die Stadt übergehen würde. Bislang gebe es keine Präzidenz-Urteile, wem der Luftraum über den Bundesstraßen gehöre.

Ein Aussichtsturm am Neckar könnte als Anziehungspunkt dienen.
Ein Aussichtsturm am Neckar könnte als Anziehungspunkt dienen.

„Es ist schön zu sehen, wie mit ein wenig gutem Willen städtebauliche Strukturen verbessert werden können“, zeigte sich Annette Baisch (Freie Wähler) beeindruckt. Und für Jürgen Klee (Bündnis 90/Die Grünen) wäre die Machbarkeitsstudie auf jeden Fall ein Projekt für die Inertnationale Bauausstellung Region Stuttgart 2027 (IBA). Aus Sicht von Roger Schenk (CDU) wäre es auch eine charmante Idee, anstatt des angedachten Neubaus eines Gymnasiums am Steinenberg in Hedelfingen über eine Fläche über der B 10 nachzudenken. „Aufgrund der zentraleren Lage zwischen allen vier Oberen Neckarvororten wäre dies sicher besser.“

Nach dem Willen des Bezirksbeirat soll der Gemeinderat bei den Beratungen für den kommenden Doppelhaushalt 2022/2023 die nötigen Planungsgelder für eine Überdecklung der B 10 einstellen, schließlich ist der Wunsch nach mehr Nähe zum Fluss sowohl im Bürgerhaushalt als auch in der Prioritätenliste der Lokalpolitiker verankert. Und das nicht nur für die kleine Variante (in zwei Jahren möglich), sondern für den großen Wurf (in fünf bis zehn Jahren realisierbar). Denn „ein Bau in Abschnitten ist durchaus denkbar, aber nicht zwingend sinnvoll“, wie Herrmann betonte. Für 150 Hektar neue Freizeit-, Gewerbe- und Wohnflächen sowie ein besseres Stadtklima. Alexander Müller