Die Bürgermeister Kempf (Weissach) und Wurz (Flacht) leisteten am Mittwoch die wichtigste Unterschrift ihrer Amtszeit. Die beiden Gemeindeoberhäupter unterzeichneten nämlich den Ein- gliederungsvertrag. So ist Flacht (1900 Einwohner) seit dem 1. Dezember Teil der Gemeinde Weissach, die nunmehr 5000 Einwohner zählt und fortan den Namen „Weissach-Flacht“ trägt.Die erste gemeinsame Sitzung der Gemeinderäte von Flacht und Weissach galt der Vertragsunterzeichnung und der Wahl des Bürgermeister-Stellvertreters. Bürgermeister Kempf appellierte, ebenso wie sein Flachter Kollege, an die Gemeinderäte, bei allen Entscheidungen das Wohl der Gesamtgemeinde im Auge zu behalten. Bürgermeister Wurz wünschte sich besonders, daß es im neuen Gemeinderat von Flacht-Weissach bei schwierigen Entscheidungen zu keinen Frontbildungen kommen möge. Der Flachter Bürgermeister hatte erklärt, man habe mit einem „lachenden und einem weinenden Auge“ den Schritt nach Weissach unternommen. Bis zur Anhörung der Bürger habe man zudem nicht richtig gewußt, wohin die Meinung der Bürgerschaft tendiere. Bürgermeister Wurz betonte, daß die Ortsteile von Weissach-Flacht zusammenwachsen müßten. Bürgermeister Kempf, der die Sitzung eröffnet hatte, wies in seiner Rede zum Gemeindezusammenschluß darauf hin, daß Weissach und Flacht bereits vor Jahrhunderten zusammengehört hätten.
Einer Chronik zufolge soll Weissach als Siedlung auf Flachter Markung gegründet worden sein. Nach diesen historischen Reminiszenzen erklärte Bürgermeister Kempf, daß die Ortsentwässerung demnächst abgeschlossen werde und die Wasserversorgung „in Ordnung“ sei. Die Ferdinand-Porsche-Schule bedürfe bereits einer Erweiterung. Nach der Ansiedlung zweier großer Firmen rechne man mit einem raschen Anwachsen der Gemeinde. Der Weissacher Bürgermeister bat den Gemeinderat, der Verwaltung Vertrauen zu schenken. Regierungsdirektor Rauscher vom Landratsamt Leonberg begrüßte den Zusammenschluß beider Gemeinden. Verwaltung sei nicht Selbstzweck, sondern habe dem Bürger zu dienen. Im „Grenzland“ des neuen Großkreises seien leistungsfähige Gemeinden wichtig. Die Gemeinden Flacht und Weissach hätten bislang durchaus ihre Aufgaben erfüllt und seien bemüht gewesen, den Erfordernissen der raschen Entwicklung gerecht zu werden. Infolge der Eingliederung Flachts in die Gemeinde Weissach ist nunmehr Horst Wurz Vorsteher des Weissacher Ortsteiles Flacht und Hermann Kempf Bürgermeister der Gesamtgemeinde. Der Gemeinderat bestimmte Erwin Pfau zum 1. stellvertretenden Bürgermeister und Heinz Kohler wurde mit dem Amt des zweiten Stellvertreters betraut.
Das Mitteilungsblatt vom 9. Dezember 1971 berichtet über einen „historischen Schritt“
Die Unterzeichnung des Zusammenschlusses von Weissach und Flacht fand im Rahmen einer feierlichen Gemeinderatssitzung statt. Der Bürgermeister Hermann Kempf von Weissach und der Bürgermeister Horst Wurz von Flacht besiegelten mit ihrer Unterschrift die Vereinbarung über den Zusammenschluss. Im Anschluss daran wurden die Ausschüsse des Gemeinderats neu besetzt. Bürgermeister Wurz wurde nun zum Ortsvorsteher des Ortsteils Flacht.
Im Mitteilungsblatt vom 9. Dezember 1971 war folgender Wortlaut zu lesen:
Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Dieses obige Foto beurkundet einen historischen Schritt der Gemeinden Flacht und Weissach. Es zeigt die Unterzeichnung der Vereinbarung über die Eingliederung der Gemeinde Flacht in die Gemeinde Weissach. Die Unterzeichnung erfolgte am 1. Dezember 1971 in der Ferdinand-Porsche-Schule in Weissach während der ersten Sitzung des Gesamtgemeinderats. An diesem Tage trat die Vereinbarung in Kraft.
Verehrte Bürgerschaft, der erste große gemeinsame Schritt ist getan. Es werden nun noch viele, kleinere Schritte folgen müssen. Einer davon ist, wie Sie hier schon erkennen können, ein Mitteilungsblatt für die Gesamtgemeinde. Unsere große Bitte geht nun an Sie. Wir alle sind jetzt Bürger einer Gemeinde, lassen Sie uns deshalb zukünftig unseren Weg gemeinsam und im gegenseitigen Vertrauen gehen. Denn wir glauben, der Zusammenschluss unserer beiden Gemeinden war ein Schritt der Vernunft, ein Schritt, der uns helfen wird, die vor uns liegenden Aufgaben besser lösen zu können.
Bürgermeister
gez. Kempf
Ortsvorsteher
gez. Wurz
Zusammenschluss von Flacht und Weissach – warum? – Ein Auszug aus dem Mitteilungsblatt vom 9. Dezember 1971
Im Mitteilungsblatt liest man unter anderem:
In vielen Sitzungen haben sich die Gemeinderäte von Flacht und Weissach mit den Plänen des Innenministeriums zur Gemeindreform befaßt. Dabei ist deutlich geworden, daß der zur Zeit noch mögliche freiwillige Zusammenschluß von Gemeinden, der erhebliche Mehrzuwendungen aus dem Finanzausgleich mit sich bringt, sehr wahrscheinlich mit Ablauf dieses Jahres wegfällt. Nach diesem Zeitpunkt werden wir keine Mehrzuwendungen in Höhe von rund 2,5 Millionen DM mehr erhalten. Auch in der Wahl unserer Partner wären wir dann nicht mehr frei. Das heißt, unsere beiden Gemeinden würden zwangsweise in eine größere Verwaltungseinheit eingegliedert. Und nach den Plänen des Innenministeriums sind sie dem Raum Rutesheim zugedacht. Um einen genügend großen Verwaltungsraum zu schaffen, der fast alle Zuständigkeiten eines Landratsamtes erhält, wird auf lange Sicht die Zusammenarbeit beider Gemeinden mit der Kreisstadt Leonberg angestrebt. Dabei ist nicht an eine Eingliederung gedacht, sondern man stellt sich eine lose Zusammenarbeit vor – etwa in Form eines Verwaltungsverbandes, in dem eine Einheitsgemeinde Weissach-Flacht mehr Gewicht besäße als jede Gemeinde für sich allein.
Anschließend werden zahlreiche stichhaltige Gründe und Fakten für einen Zusammenschluss von Flacht und Weissach an- und ausgeführt: die geografische Lage, die Ansiedlung von Industrie, gestärkt gegen Flughafen Stuttgart II, die gemeinschaftliche Hauptschule und die gemeinsame Kläranlage.
Danach werden weitere Argumente für einen Zusammenschluss vorgebracht:
Damit’s uns morgen besser geht
Obwohl diese und andere Tatsachen für einen Zusammenschluß der beiden Gemeinden sprechen, werden es manche Bürger unseres Ortes bedauern, daß Flacht seine Selbständigkeit aufgeben soll. Sie fühlen sich mit ihrer Heimatgemeinde, in der sie aufgewachsen sind, die Schule besucht, einen Beruf erlernt und ausgeübt haben, in der sie heirateten und das erlebt haben, was ihren Lebensinhalt ausmacht, innerlich stark verbunden. Da es aber um unsere Lebenschancen in der Zukunft geht, darf das Gefühl bei der Frage eines Gemeinde-Zusammenschlusses nicht den Ausschlag geben. Hier ist der kühle Verstand des rechnenden Kaufmanns erforderlich, der Vor- und Nachteile sorgfältig abwägt. Und es geht doch ganz einfach darum, daß wir – zwei gleich strukturierte und von gleichen Interessen bestimmte Gemeinden – nur gemeinsam die Zukunft meistern können. Damit wir und unsere Kinder es einmal besser haben und morgen schöner leben können. Im Übrigen: Eine Gemeinde, die ihre Selbständigkeit einschränkt, stirbt deshalb ja nicht, sie lebt vielmehr in der größeren Einheit mit größerer Kraft und stärkeren Impulsen weiter.