Die Namen der beiden größten Unternehmen im Rems-Murr-Kreis dürften den meisten Menschen auf Anhieb einfallen. Der Motorgerätehersteller Stihl mit zuletzt gut fünf Milliarden Euro Jahresumsatz und die 2022 einen Rekordumsatz von 3,2 Milliarden erwirtschaftende Firma Kärcher mit ihrer Spezialisierung auf Reinigungsgeräte sind international renommierte Marken.
Nicht ganz so bekannt ist die drittgrößte Firma Syntegon, die ebenfalls zum Kreis der Umsatzmilliardäre gehört. Derartige erfolgreiche Großbetriebe sind aber nur begrenzt repräsentativ für die Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis. „Wir haben eine sehr mittelständisch geprägte Wirtschaftsstruktur mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die häufig familiengeführt sind“, sagt Markus Beier, der Leitende Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr: „Wir haben auch einen großen Schwerpunkt im Bereich der produzierenden Unternehmen.“
Zu den Kernbranchen zählt Markus Beier den Maschinenbau. Innerhalb dieser Branche bildet wiederum die Verpackungstechnik ein bedeutendes Cluster. Syntegon aus Waiblingen und Harro Höfliger mit Sitz in Allmersbach im Tal sind Beispiele für bedeutende Betriebe der Verpackungstechnik. Die zweitgrößte Branche stellen Betriebe der Elektrotechnik und der Elektronik dar, unter denen sich nicht nur Produzenten, sondern auch Handelsunternehmen befinden. Wenig verwunderlich ist, dass in unmittelbarer Nähe von Daimler und Porsche auch Automobilzulieferer eine bedeutende Rolle spielen.
So gibt es in Fellbach mehrere Hersteller technischer Federn, darunter alt eingesessene Familienbetriebe wie die vor 102 Jahren gegründete Firma Daiker. Neben anderen durch die Backnanger Firma Tesat-Spacecom, das kreisweit zehntgrößte Unternehmen, spielt auch die Nachrichtentechnik und die Satellitentechnik eine bedeutende wirtschaftliche Rolle.

Diese differenzierte Struktur der produzierenden Wirtschaft stellt in volatilen Zeiten einen stabilisierenden Faktor dar. Zugleich ist r auch im Rems-Murr-Kreis bereits seit Jahrzehnten ein Strukturwandel in zu einem höheren Dienstleistungsanteil feststellbar. Das betrifft jedoch nicht nur reine Dienstleister, denn in zahlreichen Produktionsunternehmen stellen Dienstleistungen integrale Bestandteile des Leistungsspektrums dar. Ein Beispiel sind Maschinenbauer, die zugleich die begleitende Software entwickeln.
Bereits vor dem 1973 erfolgten Zusammenschluss des Altkreises Waiblingen und großen Teilen des Altkreises Backnang sowie einem kleinen Teil Altkreises Schwäbisch Gmünd zum Rems-Murr-Kreis bewiesen lokale Unternehmer einerseits ihren Erfindungsreichtum und andererseits ihre Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Märkte. Daraus gingen oftmals bis heute aktive Hidden Champions hervor, die in ihrer Nische - mindestens- bundesweite Beachtung finden.
Timo John, dem Kreiswirtschaftsförderer am Waiblinger Landratsamt, fallen reihenweise Beispiele derartiger Pioniere ein „Theodor Kayser ist einer davon“. Der als Bonbonhersteller bekannte Waiblinger Konditormeister erfand 1909 einen Fliegenfänger in Form von Pappstreifen, die mit Zuckersirup bestrichen waren. Weil die allzu schnell austrockneten entwickelte er eine dauerhaft klebrige Beschichtung. Unter dem Namen „Aeroxon“ wurden sie weltweit bekannt. Die daraus entstandene Aeroxon Insect Control GmbH, die bis heute Marktführer für umweltfreundliche Schädlingsbekämpfungsmittel gegen fliegende und kriechende Insekten ist.
Wen der Name Remsgold eher an einen Nudelhersteller als an einen Hersteller von Reinigungs- und Pflegeprodukten erinnert, der liegt buchstäblich goldrichtig. Unter dem Namen Remstalgold verkaufte der Winterbacher Karl-Heinz Häberle bereits in den 1940er Jahren seine Nudeln an die Gastronomie und andere Abnehmer. Die Konkurrenz durch die industrielle Herstellung von Nudeln wurde ihm jedoch zu groß. Dagegen fehlten für die aufkommenden Spülmaschinen geeignete Reinigungsmittel, die Karl-Heinz Häberle in seiner 1962 gegründeten und bis heute erfolgreichen Firma Remsgold herstellte.
„Als Historiker kann ich sagen, die Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis hat viele Unternehmen mit langer historischer Tradition, die heute sogar Hidden Champion oder Weltmarkführer sind. Oft sind die Firmen bis heute noch familiengeführt. Damit geht auch ein hohes Maß an Identifikation mit dem Landkreis und der Region einher, das ist ein nicht zu unterschätzender Wert“, sagt Timo John zusammenfassend. Michael Käfer