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Tambour-Tradition beim Pferdemarkt auf dem Marktplatz in Leonberg: "Der Markt ist eröffnet!“

Historischer Ausrufer im Kostüm, Gedichtvortrag zur Markteröffnung, gemeinsamer Auftritt mit dem Oberbürgermeister, Wiederbelebung einer belegten Tradition, symbolischer Start des Marktgeschehens.

Tambour-Tradition beim Pferdemarkt auf dem Marktplatz in Leonberg: "Der Markt ist eröffnet!“

Matthias Ansel wird auch in diesem Jahr in die Rolle des historisch belegten Tambours schlüpfen. Foto arc, Simon Granville

In Tolstois „Krieg und Frieden“, in sämtlichen Filmen über Napoleon, in Serien wie „Fackeln im Sturm“, in dem der amerikanische Bürgerkrieg thematisiert wird, taucht er in der Regel auf jeden Fall einmal auf: dann, wenn einem Heer akustisch signalisiert werden muss, wann der Angriff bevorsteht, oder wenn die Truppe sich zurückziehen soll, der Tambour oder der Trommler. Oskar Mazerath aus Günter Grass'„Blechtrommel“ imitiert einen Tambour und bringt mit den falschen Rhythmen einen lokalen Aufmarsch von Nationalsozialisten total durcheinander. Eduard Mörike hat sich in seinem Gedicht „Der Tambour“ vorgestellt, wie es wäre, wenn er in einem französischen Regiment Trommler wäre und seine Mutter ihn begleiten könnte – dann würde seine Trommel zum Sauerkrauttopf werden, aus dem er löffeln könnte. Der Komponist Hugo Wolf vertont Mörikes Gedicht 1888. Georg Büchners Woyzecks Nebenbuhler, der seinen Platz bei Woyzecks Gattin eingenommen hat, ist Tambour. In den achtziger Jahren gab es sogar ein Fernsehspiel, „Der Tambour“.

Unternehmen aus der Region

„Den Marckt außgerueffen“

Der Schlaginstrumentalist ist – vielleicht gerade weil er nicht wirklich ins Kriegsgeschehen eingreift, aber doch ein Zeitzeuge ist – immer wieder in Film, Literatur und Musik gewürdigt worden. Und in Leonberg hat man ihm vor einigen Jahren auch wieder ein Denkmal gesetzt: „Es ist belegt, dass im 17. und 18. Jahrhundert ein Tambour den Pferdemarkt ausgerufen hat“, meldet die Stadtverwaltung auf Nachfrage. Und weiter: „In der Bürgermeisterrechnung des Jahres 1701/02 wird ein Andreas Eßig erwähnt, der Zitat, Uẞgeben Gellt auff Haltung der Jahrmärckt gangen Dem Tambour Andreas Eẞsigen welcher den Marckt aufgerueffen.“

Unternehmen aus der Region

Deshalb hat sich die Stadtverwaltung 2023 überlegt, wie man den Tambour wieder in den Leonberger Pferdemarkt einbinden kann, und ging auf die Theatergruppe Bühne 16 zu. Zuerst hat Peter Höfer die Rolle übernommen. Als er kurz darauf überraschend verstarb, ist Matthias Ansel in die Rolle des Tambours geschlüpft. In manchem Faschingsgeschehen, zum Beispiel in der Schweiz, kann es sein, dass ein Trommler oder eine ganze Zunft oder ein Verein Trommler stellt.

Kostüm stammt aus Stuttgart-Wangen

In Leonberg ist es aber ganz klar: Der Tambour nimmt die Rolle als Ausrufer eines Marktes ein und hat mit dem Faschingsumzug des Pferdemarkts nichts zu tun. Das Kostüm stammt aus dem Kostümhaus Wagner in Stuttgart-Untertürkheim. In diesem Textilwarengeschäft mit besonderer Note findet man den Frack genauso wie die Faschingsverkleidung, aber eben auch historische Kostüme. Eine Originalvorlage für den Tambour aus Leonberg gibt es nicht. „Das Kostüm hat der Verleih zusammengestellt.“ Es wird jedes Jahr ausgeliehen.

Und was sagt der Tambour dann zur Eröffnung des Leonberger Pferdemarkts? Er trägt ein Gedicht vor: „Es kommen scharf geritten, die Bauern vom Strohgäu zu Wagen und zu Schlitten“ …“ – Es geht in ein paar Versen um das Anpreisen des Marktes und des Marktgeschehens (s. rechts unten). Die Strophen erschienen erstmals in der Glemsund Würmgauzeitung, die am 16. Februar 1893 erschien.

„Ausrufer“ durch Plakate ersetzt

Was mit den Tambouren geschehen ist? Sie wurden letztendlich durch Zeitungen und Bekanntmachungen der damaligen Zeit ihres Amtes enthoben. So hat man zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Beispiel rund 1500 Plakate drucken lassen, und diese an Städte und Pferdehändler gesendet. Schnell kam man drauf, dass dieser Vertrieb zu kostspielig war. Aber die Reichweite, die die damaligen Medien erreichten, war selbstverständlich höher als das Ausrufen durch einen Gesandten auf dem Marktplatz.

Tambour Matthias Ansel eröffnet zusammen mit OB Tobias Degode den Pferdemarkt am Freitag, 6. Februar, 17 Uhr, auf dem Marktplatz.


Ρferdemarkt in Leonberg

Es kommen scharf geritten die Bauern vom Strohgäu, zu Wagen und zu Schlitten, zu Bahn – wie es auch sei.

Zum Pferdemarkt gilt's zu eilen, nach Leonberg, der Stadt, berühmt auf weite Meilen, landauf wohl und landab.

Das ist ein Wiehern, Rennen, ein Handeln froh und laut; auf Straßen und in Tennen, wie der Verkehr sich staut!

Und dort in weiten Sälen Die Gäste sind vereint, Bei heiterem, frohem Mahle Ein guter Geist sie eint.

Toaste gibt es viele, auf das, was schön und gut, geführt zu hohem Ziele, von der Begeisterung Glut.

Und alles in der Runde wünscht Fortgang unsrem Werk: „Hoch leb zu dieser Stunde der Markt zu Leonberg!“

So klang’s vor hundert Jahren, so klang’s auch früher schon. Auch heute noch erfahren wir die schöne Tradition.

Es gibt noch echte Pferde und alte Handelssitten auf unserer Schwabenerde, von allen wohlgelitten.

Was wird die Zukunft weisen? Man weiß es nicht genau, doch heut wird man preisen die Leonberger Pferdeschau.*

*(die letzten drei Strophen sind erst 2023 hinzugedichtet worden. Die anderen Verse stammen aus der Glemsund Würmgauzeitung vom 16. Februar 1893.)


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