Der HGV Stuttgart-Wangen feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Das Engagement der Mitglieder hat im Stadtteil viel bewirkt.
Einhundertfünfundzwanzig Jahre - das ist ein stolzes Alter und das schaffen nicht viele Vereine. Der Handels- und Gewerbeverein Wangen e.V. (HGV) feiert dieses seltene Jubiläum in diesem Jahr. Zur offiziellen Feier Anfang Juli wird unter anderem auch der Bürgermeister für Wirtschaft, Finanzen und Beteiligungen der Landeshauptstadt, Thomas Fuhrmann, erwartet. Der Blick zurück in die lange und auch wechselvolle Geschichte darf dabei nicht fehlen.



Ein Siedlungsort mit langer Geschichte
Schon die Kelten und Alemannen hatten Wangen als Siedlungsort für sich entdeckt. Damals gab es zwar sicher auch schon Händler und Handwerker, aber so arg viel weiß man über die damaligen Strukturen in dem Ort am Neckar nicht. Vermutlich um das Jahr 1130 ist Wangen dann zum Haus Württemberg gekommen, urkundlich wird es erstmals am 8. März 1229 in einer Urkunde des Papstes Gregor IV. für das Kloster Bebenhausen erwähnt.
1895, als es in Wangen erste Überlegungen zu einer Vereinsgründung gab, war Wangen noch ein eigenständiger Ort. Es gab Handwerker, Gewerbetreibende, aber noch keine nennenswerte Industrie.
Industriebetriebe zögerten mit der Ansiedlung, die Flächen am noch nicht kanalisierten Neckar waren Wiesen und Felder regelmäßig von Überschwemmungen bedroht.
Der bekannte Wangener Ortshistoriker Martin Dolde hat sich intensiv mit dem heutigen Stuttgarter Stadtbezirk beschäftigt und sich auch durch die Protokollbücher des Handels- und Gewerbevereins durchgearbeitet, so sie noch vorhanden sind.
Wunsch nach mehr Zusammenhalt im Handwerk
Nach seinen Recherchen und den Aufzeichnungen des damaligen Schriftführers Wilhelm Glemser hatte es 1895 vor allem im Handwerkerstand den Wunsch nach einem stärkeren Zusammenhalt gegeben. Aber zunächst gab es offenbar immer wieder Bedenkenträger.
Ein erster Anlauf 1898 scheiterte. Aber die treibenden Kräfte, vor allem der Flaschnermeister Carl Gogel, blieben hartnäckig. Am 12. Dezember 1899 gelang es: An der Gründungsversammlung im Gasthaus zum Hirsch nahmen rund 40 Wangener Handwerker teil, die dann alle auch gleich Mitglied im neuen Verein wurden. Zwei Wochen später, kurz nach Weihnachten 1899, ging es um die Statuten und die ersten Wahlen. Zum ersten 1. Vorstand des neuen Gewerbevereins wählten die Anwesenden Carl Gogel, zu seinem Stellvertreter Friedrich Engelfried. Nachzulesen ist das in der Wangener Chronik-Reihe „Aus Wangen“ von Gerhard und Martin Dolde. Zum 100-jährigen Bestehen des HGV Stuttgart-Wangen hatten sie das Heft 100 der Reihe ganz dem Verein und seiner Geschichte gewidmet. Die Themen, mit denen sich der Verein in seinen ersten Jahren beschäftigte, sind gar nicht so weit weg von heutigen aktuellen Themen: Fort- und Weiterbildung war und ist ein großes Thema, damals wurden entsprechende Kurse unter anderem in Buchführung angeboten.
Und - Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch in Wangen durchaus erhitzt darüber diskutiert, was nun besser oder zukunftsträchtiger sei, Strom oder Gas. Auslöser war die Inbetriebnahme der ersten Wasserturbine im Inselkraftwerk in Untertürkheim auf der anderen Seite des Neckars. In den Diskussionen waren die einen von den Vorteilen der vorherrschenden Gasbeleuchtung überzeugt, die anderen priesen die noch nicht so bekannte Elektrizität. Der damalige Untertürkheimer Schultheiß Fiechtner suchte noch Abnehmer für den überschüssigen Strom seines Kraftwerks, die Leitung nach Wangen wollte er aber nur legen, wenn es hier auch genügend Stromnutzer gab.
Die Wangener zögerten, die Untertürkheimer fanden in der Stadt Stuttgart einen Abnehmer und als 1904 die Daimlerwerke nach Untertürkheim kamen, konnte es gar nicht genug Strom geben. Im Zusammenhang mit der dringend nötigen Renovierung der Michaelskirche stand ein anderes Thema auf der Tagesordnung, das ebenfalls bis heute immer wieder zu Diskussionen führt. O-Ton Gewerbeverein, zitiert in „Aus Wangen“, Heft 100:
„Der Vorstand soll eine Eingabe an den Kirchengemeinderat machen, mit der Bitte, die Bauarbeiten beim Umbau der Kirche möglichst hiesigen Handwerkern zukommen zu lassen.“ Das war im Jahr 1903. Beim Bau der Inselsiedlung Jahre später oder - mit Bezug auf das Einkaufsverhalten - bei der Ansiedlung von Einkaufsmärkten außerhalb gab es diese Diskussionen immer wieder.
Krisengeprüft und neu erfunden
Von Krisen blieb der Verein nicht verschont: Mitgliedermangel, fehlende Zeit der Mitglieder für ehrenamtliches Engagement das kannten viele Vereine damals und kennen viele heute auch. Nach der kriegsbedingten Pause im Ersten Weltkrieg wurde das 25-jährige Bestehen gefeiert. Schon 1926 schlossen sich die Gewerbevereine der oberen Neckarvororte zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. 1933 wurde der Verein, der damals Gewerbe- und Handelsverein hieß, wie alle anderen Vereine aufgelöst. Erst 1951 gibt es wieder erste Neuigkeiten: Seitdem heißt er Handels- und Gewerbeverein, hatte 79 Mitglieder und engagierte sich in den folgenden Jahrzehnten vielfältig im Stadtbezirk, egal ob 1957 bei der Einweihung des neuen Schulhauses, 1979 beim Jubiläum 750 Jahre Wangen, in den 1980er Jahren mit der neu belebten Tradition des Maibaums oder dem Weihnachtsschmuck für Geschäfte. In den vergangenen 125 Jahren hat der HGV Stuttgart-Wangen viele Veränderungen erlebt und begleitet: Die Eingemeindung in die Landeshauptstadt 1905, die Neckarkanalisierung, die Elektrizität, den Bau des Hafens, mit etwas Verzögerung dann doch die Industrialisierung - und dann auch wieder die Rückentwicklung.
Es gab große Unternehmen wie Herma oder Kodak, die zumindest in Wangen längst Geschichte sind. Es gab und gibt aber auch engagierte und vorausblickende Unternehmer wie den damaligen Schmiedemeister Karl Schneider, der sich ganz am Anfang stark im neuen Verein engagierte. Aus seinem „Stuttgarter Hammerwerk Karl Schneider“ in Wangen, 1891 gegründet, ging die „Gesenkschmiede Schneider GmbH“ in Aalen hervor, mit inzwischen 340 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro im vergangenen Jahr.