Mangelndem Elan konnte man den Ausschussmitgliedern im frisch gegründeten Gewerbeverein schon 1898 nicht vorwerfen.
Das von dem Schlosser Andreas Maier angeführte neunköpfige Führungsgremium des heutigen Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) traf sich bereits im Gründungsjahr zu neun Sitzungen und drei Versammlungen. Offenbar sollte dabei kein Gaststätteninhaber bevorzugt werden, denn neun verschiedene Lokalitäten vom Ochsen über den Hasen, den Bären und den Hirsch besuchte die Führungscrew zwischen dem 21. März und dem 30. November 1898.
Unterhaltsamer Vortrag
Drei Wochen vor dem ersten Treffen war es ein Vortrag des Realschullehrers Bauder über die neuen Handwerkergesetze, der rund 60 Fellbacher Gewerbetreibende in die Gaststätte „Zur Traube“ lockte. Immerhin 20 Mark kassierte der offenbar unterhaltsame Pädagoge für seinen zweistündigen Auftritt, an den sich noch eine Diskussion anschloss. Gleich mehrere Gewerbetreibende schlugen bei dieser Gelegenheit die Gründung eines Vereins zum „Zweck der Förderung von Handwerk und Gewerbe“ vor und gleich 40 Fellbacher trugen sich am 26. Februar 1898 in die Mitgliederliste ein. Die konstituierende Sitzung und damit die eigentliche Gründung des GHV fand wenige Tage später, am 12. März 1898, im Gasthaus „Zum Ochsen“ statt. Schnell zeichnete sich bereits ab, dass sich der GHV nicht nur auf wirtschaftliche Aktivitäten im engeren Sinn beschränken würde. So erhielten zehn besonders emsige Fortbildungsschüler 1899 Buchpreise im Gesamtwert von immerhin zehn Mark.


Fairer Wettbewerb
Gesellige Veranstaltungen standen auch schon in den Anfangsjahren hoch im Kurs. Der Gewerbelehrer Schneider berichtet Im Protokollbuch von 1912 beispielsweise über einen gut besuchten Ausflug nach Welzheim und zum Ebnisee. Ein fairer Wettbewerb war den Gründervätern des GHV ebenfalls wichtig. Bereits im Juni 1910 beschwerte sich der Gewerbeverein beim „Schultheißenamt“ über die Schwarzarbeit mehrerer Handwerker. Zugleich gibt es aus den Anfangsjahren Kuriositäten zu berichten. Bei der Mitgliederversammlung am 27. April 1912 wollte der Vorsitzende Gottlieb Heß nicht erneut kandidieren. In geheimer Wahl wird Paul Neef gewählt – um die Wahl nicht nur abzulehnen, sondern umgehend aus dem Verein auszutreten. Folglich führte Gottlieb Heß dann als Stellvertreter den GHV sieben Monate lang an, bis der inzwischen zum Ehrenvorstand aufgestiegene Gründungsvorsitzende Andreas Maier erneut Vereinsvorsitzender wird.
Zufriedene Mitglieder
Trotz der damaligen Probleme bei der Besetzung von Führungsämtern waren die Mitglieder mit dem GHV offenbar zufrieden, denn deren Zahl stieg von 72 im Jahr 1899 auf 154 in 1914. Der Erste Weltkrieg war dann eine große Zäsur. Am 16. Mai 1915 wurden 35 GHV-Angehörige zum Kriegsdienst eingezogen. Die Beteiligung an den Versammlungen schrumpfte ein Jahr später auf gerade einmal 15 Anwesende und im letzten Kriegsjahr gab es nur noch eine Ausschusssitzung, deren einziges Thema die Rohstoffversorgung war.
Fehlende Unterführung
Die großen Probleme der Welt wie die galoppierende Inflation im Jahr 1923, der Zweite Weltkrieg und in neuerer Zeit – um nur ein drittes Beispiel zu nennen – die Coronapandemie, beschäftigten die Mitglieder ebenso wie kleinere Herausforderungen in Form einer 1909 aus finanziellen Gründen noch fehlenden Bahnunterführung zwischen Fellbach und Schmiden.
Seit den Gründungsjahren bis in die Zeit der letzten sechs GHV-Vorsitzenden Fritz Barth, Gerhard Laipple, Günther Hieber, Rainer Schenk, Bernd Köhler und seit 2022 Maurizio Messina sind viele Arbeitsschwerpunkte des Vereins ähnlich geblieben. Inzwischen gibt es die Bahnunterführung zwar längst, aber die Umgestaltung der nördlichen Bahnhofstraße ist dafür ein heißes Thema dieser Tage. Michael Käfer
ZEITTAFEL DER FELLBACHER WIRTSCHAFTSGESCHICHTE
Historie
Die Fellbacher Wirtschaftsgeschichte ist reich an kleinen und großen Ereignissen. In dieser Zeittafel sind exemplarisch einige aus zwei Jahrhunderten zusammengefasst.
1800
Fellbach hat rund 2300 Einwohner, von denen bis 1850 rund 600 aufgrund von steuerlichem Druck, Missernten und aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen und auswandern.
1845
Die Straße von Fellbach nach Schmiden wird angelegt.
1857
Die Weingärtnergenossenschaft, inzwischen als Fellbacher Weingärtner firmierend, wird gegründet.
1861
Am 1. Juli rollt der erste Zug durch Fellbachs Bahnhof. Bereits drei Jahre später wird die Remsbahn von Cannstatt beginnend bis Fellbach zweigleisig ausgebaut. Erst 1899 Schorndorf erreicht der zweigleisige Ausbau Schorndorf.
1877
In Fellbach gibt es 197 Gewerbebetriebe.
1895
Mit der Stanzfabrik von Carl Wüst nimmt das erste große Industrieunternehmen seinen Betrieb auf. Nach 112 Jahren am gleichen Standort zieht die 2007 Firma nach Remshalden-Geradstetten um.
1898
Der Gewerbeverein Fellbach wird gegründet
1902
Beginn des Baus der Wasserleitung, die am 6. Oktober 1904 mit einem Fackelzug eingeweiht wird. Im gleichen Jahr wir Fellbach an das Elektrizitätsnetz angeschlossen.
1907
Fellbach hat 5561 Einwohner und 37 offene Kaufläden.
1922
Der Gewerbe- und Handelsverein feiert am 22. April in der Gaststätte „Zum Adler“ sein 25-jähriges Bestehen „unter gütiger Mitwirkung vom Männergesangverein Fellbach und Orchesterverein Fellbach“ wie es in der Ankündigung heißt.
1926
Die elektrische Straßenbeleuchtung wird eingerichtet.
1945
Am 22. April besetzen amerikanische Truppe Fellbach. Am 28. September findet die Fellbach Schau in der Alten Kelter statt.
1948
Vom 16. bis 18. Oktober wird er erste Fellbacher Herbst gefeiert. Das Viertele Wein kostet eine Mark.
1959
Die Bahnunterführung nach Schmiden wird eingeweiht.
1974
Am 1. April wird Oeffingen nach Fellbach eingemeindet, nach dem 15 Monate zuvor schon Schmiden dazugekommen war. Die Gesamtstadt hat jetzt 44 059 Einwohner.
2023
Am 12. November feiert der GHV sein 125-jähriges Bestehen. kae